Neue Vorwahl geht wohl erst 2002 an den Start
Telekom-Firmen gehen die 0190-Nummern aus

Wenn einsame Herren ein sündiges Abenteuer am Telefon suchen und dafür die "Zuckerschnecke Laura" anwählen, dann verdienen Anbieter von Mehrwertdiensten ordentlich mit. Doch nicht nur Telefonsex läuft gut. Auch immer mehr Unternehmen suchen telefonischen Kontakt zum Kunden. Der Markt boomt.

DÜSSELDORF. Die Geschäftsidee ist simpel - und sie funktioniert. Wenn Fernsehzuschauer zum Telefonhörer greifen, um sich als Kandidat für Günther Jauchs "Wer wird Millionär?" zu bewerben oder an interaktiven Spielen und Umfragen teilzunehmen, verdienen die Anbieter von Mehrwertdiensten kräftig mit. Firmen wie die Bonner Talkline Infodienste GmbH oder die Mainzer Deutsche Telefon- und Marketing Services GmbH (DTMS) vermarkten die hierfür verwendeten Telefonnummern, die mit 0130, 0800, 0180 oder 0190 beginnen.

Ein Wachstumsmarkt, denn immer mehr Unternehmen suchen den Kontakt zum Kunden per Telefon, wie aus Umfragen des Deutschen Direktmarketing Verbands hervorgeht. Auf das Marketinginstrument Servicenummer setzen unter anderem Versandhäuser und Computerkonzerne, Fernsehsender und Verlage, Banken und Reiseveranstalter.

Die Umsätze der Mehrwertdiensteanbieter haben sich in den vergangenen vier Jahren nach Schätzungen auf knapp 2 Mrd. DM verdoppelt, das Telefonminutenvolumen ist ebenfalls enorm gestiegen. Branchenkenner prophezeien den Unternehmen auch weiterhin ein vergleichsweise hohes Wachstum.

Großes Potenzial hat nach Einschätzung von Torsten Kiesslich, Geschäftsführer der UGW Management Consulting in Wiesbaden, die Medienbranche. Angesichts der Flaute auf dem Werbemarkt wollten Sender wie "9 live" und RTL 2 nun verstärkt bei den Zuschauern kassieren. Diese beantworten über Sondernummern wie "0190" so anspruchsvolle Fragen wie "Was ist glatt, ein Aal oder ein Frosch?" für mindestens 0,86 DM pro Minute.

Ein weiterer Wachstumsmarkt für Servicerufnummernanbieter ist das so genannte Micropayment, das Bezahlen kleiner Beträge für Internet-Inhalte - es lässt sich ebenfalls über das Telefon abwickeln. "Micropayment wird kommen", sagt Renatus Zilles, Geschäftsführer von Talkline ID. Auf diese Weise könnten Internetanbieter mit ihren Inhalten endlich Geld verdienen.

Nummern werden knapp

Gehemmt wird die Expansion momentan davon, dass Rufnummern für die Servicedienste knapp werden. Das gilt vor allem für die Hauptumsatzträger, die 0190-Nummern. Jetzt ist deshalb die Vorwahl 0900 geplant. Bis die ersten Einnahmen über 0900-Dienste fließen, wird es aber noch dauern. Denn die Rufnummern können voraussichtlich erst ab Dezember bei der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post beantragt und im nächsten Jahr eingesetzt werden.

Technische Probleme haben die Einführung der 0900-Nummern bisher verzögert. Die neue Vorwahl soll mehr Freiheit bei den Tarifen bringen. Bisher ergibt sich der Preis durch die gewählte Nummer: Bei 01908 beispielsweise kostet die Minute 3,63 DM. Bei 0900 sollen die Betreiber die Gebühren frei festlegen dürfen, der Minutenpreis ist dann nicht mehr an der Nummer erkennbar. Das macht jedoch die Abrechnung schwieriger. Bisher könnte nur die Deutsche Telekom die neuen 0900-Nummern abrechnen, während die Wettbewerber noch an einer Lösung arbeiten.

Ein weiteres Problem: Von Mobiltelefon aus werden die 0900-Dienste voraussichtlich nicht anzuwählen sein. Damit wird den Betreibern einiges an Einnahmen entgehen. Schon heute kommen ein Drittel aller Anrufe bei Mehrwegdiensten von einem Handy aus - mit steigender Tendenz. Marktführer unter den Mehrwertdiensteanbietern ist die Deutsche Telekom mit einem am Umsatz gemessenen Marktanteil von etwa 40 %. Es folgen Talkline ID, ein recht profitabler Teil des Elmshorner Telekomanbieters Talkline, und die DTMS. Die drei Unternehmen teilen sich etwa 85 % des Marktes. Hinzu kommen Telekomanbieter wie Arcor, Colt und Tesion, die ebenfalls Servicerufnummern einrichten. Sie alle haben dafür unterschiedliche Dienste im Angebot, die kostenfreien Verbindungen unter 0800, die 0180-Rufnummern, bei denen sich Betreiber und Anrufer die Kosten teilen und die durch zwielichtige Angebote in Misskredit geratenen 0190-Dienste. Um deren Missbrauch zu begrenzen, hat die Branche den Verein FST (Freiwillige Selbstkontrolle Telefonmehrwertdienste) gegründet. Gegen unerwünschte Werbefaxe- und Anrufe, die 0190-Dienste offerieren, hilft das bisher wenig. Statt des hier oftmals in Aussicht gestellten Gewinns steht am Ende meist nur eine hohe Telefonrechnung. Manche Werbeaktionen nehmen geradezu groteske Züge an: So wurde ein Fax versendet, das für einen Informationsdienst wirbt zu der Frage "Wie wehre ich mich gegen unverlangte Werbung?". Die Antwort ist unter einer mit 0190 beginnenden Faxnummer abzurufen - Kostenpunkt: 3,63 DM pro Minute.

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