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Neue Zeitrechnung nach Calmund-Rücktritt

Leverkusen (dpa) - Er sprach von einer «großen Erleichterung», doch am Ende wurden seine Augen doch noch feucht. Stimme, Gestik und Blick verrieten, wie schwer Reiner Calmund der überraschende Rücktritt fiel.

Leverkusen (dpa) - Er sprach von einer «großen Erleichterung», doch am Ende wurden seine Augen doch noch feucht. Stimme, Gestik und Blick verrieten, wie schwer Reiner Calmund der überraschende Rücktritt fiel.

Ungläubig nahm Fußball-Deutschland zur Kenntnis, dass der charismatische Bundesliga-Manager seinen Stuhl bei Bayer Leverkusen nach 27 Jahren räumen wird. Bei aller Entschlossenheit blieb jedoch auch ein Stück Zweifel. «Die bitteren Tage werden noch kommen. Die Tage, an denen ich mich fragen werde, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe», gestand Calmund.

Diese Frage könnte nicht nur Calmund, sondern auch der Vereinsspitze noch mächtig zu schaffen machen. «Leverkusen ohne Calmund ist für mich unvorstellbar», sagte Rudi Völler. Aus Sorge um die Zukunft des Bundesligisten, der unter Calmund vom ungeliebten Werksclub zur europäischen Topadresse aufgestiegen war, redete der DFB-Teamchef im Auto auf der Rückfahrt vom Länderspiel in Kaiserslautern auf seinen Freund ein. «Da habe ich einen dezenten Versuch unternommen, ihn umzustimmen. Aber sein Entschluss stand fest.»

Aber was hat Calmund wirklich bewogen, sein Lebenswerk freiwillig aufzugeben? Nur einen Tag nach seinem als Paukenschlag empfundenen Rücktritt wird heftig spekuliert. Dass «Stressfresser» Calmund jahrelang Raubbau mit seiner Gesundheit trieb, war sicherlich einer der Gründe. Gewichts- und Herzprobleme machten ihm zunehmend zu schaffen. «Ich habe oft nach 70 Minuten meinen Tribünenplatz verlassen. Da hab ich nicht Tischtennis gespielt oder mich umgezogen. Das hatte andere Gründe», sagte der 55-Jährige.

Doch nicht nur das Geschehen auf dem Rasen, sondern auch das hinter den Kulissen ging an die Substanz. Die Probleme des Bayer-Konzerns mit schmerzlichem Stellenabbau tangierten auch die Fußball- Abteilung. Immer häufiger musste sich der einstige Alleinherrscher dem Diktat der Kostenkontrolleure fügen, Zug um Zug wurde seine Hausmacht gebrochen. Beim Ausbau des Stadions, dem Transfer von Lucio und dem Wechsel seines Ziehsohnes Ilja Kaenzig nach Hannover zog der Manager bereits den Kürzeren. Dass er bei seinem Abschied kein Wort über die jüngsten Grabenkämpfe verlor, passt ins Bild eines stets loyalen Machers.

Seinem Ruf als «Workaholic» wurde er bis zur letzten Minute gerecht. Noch kurz vor seiner Demission machte er nach eigener Aussage den Transfer von Paul Freier (VfL Bochum) nach Leverkusen fast perfekt. Völler hegt Zweifel, dass sein langjähriger Wegbegleiter für immer die Bühne verlassen hat: «Er wird sicher wieder im Fußball auftauchen, in welcher Form auch immer.» Das Gerede, wonach Calmund ein Top-Kandidat für eine mögliche Stelle als Nationalmannschafts-Manager sei, hält der DFB-Teamchef jedoch für verfrüht. «Das ist momentan sicherlich kein Thema.» Gut möglich, dass nach der EM in Portugal wieder intensiver über den neuen Posten nachgedacht wird.

Der Rücktritt des von den Fans verehrten Managers hinterlässt in Leverkusen tiefe Spuren. Viel wird davon abhängen, wie sein Nachfolger Wolfgang Holzhäuser den Spagat zwischen sportlicher Erwartungshaltung und finanziellen Zwängen bewältigt. Jürgen Kohler wird ihm dabei wohl nicht mehr zur Seite stehen. Wie Calmund am Dienstag andeutete, sehen alle Beteiligten die Zukunft des Sportdirektors nicht mehr bei Bayer. Kommentare zu den ins Spiel gebrachten Oliver Bierhoff und Rolf Rüssmann mag die Vereinsführung derzeit nicht abgeben. «Wir lassen uns nicht unter Zeitdruck setzen. Aber bis zum Saison-Beginn sind diese Fragen geklärt», sagte Meinolf Sprink, Sportbeauftragter der Bayer AG.

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