Neuen Markt erschlossen
Mit Perwoll gewaschen

Jung, forsch, nett und nett anzuschauen: Anni Friesinger glitt auf ihren Kufen in eine mediale Aufmerksamkeit, die Eisschnellläuferinnen gemeinhin nicht zuteil wird. Weil sie auf Textilarmut setzte und ihre Rennen in Serie gewann. Sonntag soll das erste olympische Gold folgen.

Irgendein flauschiges Weiß umhüllt den Körper. Vermutlich mit Perwoll gewaschen. Unten noch grauer Stretch, oben ein weißes Netzhemd, das gerade ein wenig von der blonden Dame gelupft wird. Sie enthüllt - wenn das die Mormonen am Salzsee wüssten - Tattoo und Bauchnabel-Piercing. Und dann der Blick: Könnte von Jenny, Ariane oder Naddel stammen. Sie wissen schon, eine dieser Dummchen, die immer irgendwelche Promis kennen, mit deren Hilfe sie auf die ach so wichtigen Partys kommen. Je blöder sie sich verhalten, desto eher landen sie in den bunten Blättern.

Die blonde Dame, von der hier die Rede ist, landet inzwischen ebenfalls in schöner Regelmäßigkeit in diesen Gazetten. So auch in der Illustrierten Max, die unlängst besagtes Perwoll-Foto veröffentlichte. Um Missverständnissen vorzubeugen, stand freilich daneben ein wichtiger kurvenreicher Satz: "Ich bin kein Blitzlicht-Luder. Ich bin eine erfolgreiche Sportlerin."

Kann man wohl sagen. Anni Friesinger eilte in dieser Saison von Sieg zu Sieg und glitt mit ihren schnellen Kufen in eine mediale Aufmerksamkeit, die nie zuvor einer deutschen Eisschnellläuferin zuteil wurde. Gunda Niemann-Stirnemann war immer zu dröge und hatte eine zu große Nase, Claudia Pechstein war zu schnell beleidigt und hatte im Prinzip immer eine Bessere vor sich. Jetzt ist es Anni aus Inzell. 25 Jahre jung, forsch, nett und nett anzuschauen. Anna Christine, wie sie eigentlich heißt, stellt auf ihrer Internetseite ihren Kater vor, während bei Kollegin Pechstein alles noch in Arbeit ist ("Hier entsteht die Homepage von . . ."). Mit dem Mundwerk hat Anni eh meist die Nase vorn. Sie sagt Sachen wie: "Nichts ist erotischer als ein Eisschnelllauf-Hintern." Oder erklärt, warum das textilarme Posieren vor Fotografen harte Arbeit ist: "Bis alle Abdrücke der Unterwäsche weg sind, das dauert." Nachzulesen in Max.

Der Playboy bekam einen Korb

Bis ans Maximum aber mag Friesinger (noch) nicht gehen, noch ist sie die Frau mit den Händen vor den Brüsten. Der Playboy-Wunsch nach einem Fotoshooting wurde also abgelehnt. "Als der Brief mit den Bunnys kam, hat das den Klaus und den Jochen schon etwas stolz gemacht", erzählt die angehende Olympiasiegerin im Handelsblatt-Gespräch. Klaus und Jochen, das sind ihr Manager Klaus Kärcher und dessen rechte Hand Jochen Habermaier. Sie haben Erfahrung mit Playboy-Anfragen, auch andere Klientinnen der schwäbischen Vermarkter lösten beim Herrenmagazin Begehrlichkeiten aus.

"Die Briefe werden gerahmt und in den Flur gehängt", scherzt Kärcher und betont immer wieder, dass er eine Kundin nie zum öffentlichen Ausziehen drängen würde. "Es wird nur gemacht, was der Athlet will." Auch im Falle Friesinger. "Es gibt Aktfotos und Nacktfotos. Anni hat immer nur Aktfotos gemacht." Kann sich theoretisch mal ändern, denn sie sagt zum Thema Playboy auch: "Wer weiß, vielleicht mache ich das in sechs Jahren mal."

Andy Rösch hätte damit wohl keine Probleme. Der Chef der gleichnamigen Neuen-Markt-Firma ist in der zweiten Saison Hauptsponsor der Oberbayerin und freut sich über die gelungene Investition. "Eine völlig zugeknöpfte Dame wäre für die Medien sicherlich weniger interessant", ahnt der Verkäufer von Medizintechnik und Erfinder der Spritze ohne Nadel. Während einer Dienstreise nach Dubai hatte er die Sportlerin mitgenommen und spätestens dort festgestellt, dass sie "bayrisch-sympathisch" ist.

Goldmedaille würde für weitereren Popularitätsschub sorgen

Nun ist Rösch ihr als Fan nach Salt Lake City gefolgt, verknüpft den Trip gleich mit Gesprächen mit einem möglichen amerikanischen Kooperationspartner und hat auch sonst große Pläne. Nach den Winterspielen wird Friesinger direkt ins Rösch-Hauptquartier nach Berlin düsen und dort eine Pressekonferenz geben. Noch wichtiger aber: Schon bald wird ein Rösch-Produkt auf den Markt geworfen, das den Namen der schnellen Anni tragen und an dessen Verkaufserfolg die prominente Namensgeberin partizipieren wird.

Der erfolgsabhängige Kontrakt mit Friesinger kostet Rösch ob der Seriensiege einen sechsstelligen Euro-Betrag. Mit Preisgeldern und weiteren Geldgebern (Deutscher Herold, Adidas, Oakley, Premiere World) könnte die Sportlerin im Idealfall auf eine halbe Million Euro und mehr in dieser Saison kommen. "Meine Verträge sind stark leistungsbezogen und damit sehr fair", findet Friesinger. Dass nach der Medienoffensive der vergangenen Wochen und der Option auf vier olympische Medaillen noch einiges mehr drin sein dürfte, ist klar. Erstmals Gold und den nächsten Popularitätsschub könnte es am Sonntag über 3 000 Meter geben. "Und doch ist auch eine Portion Glück dabei, dass ich gerade jetzt in ein bestimmtes Schema passe und den Leuten gefalle", sagt die Blondine über ihre Eroberung eines neuen Marktes.

Jenes Schema kennt niemand besser als Manager Kärcher. Der wurde einst beim ersten Beschnuppern von Anni Friesinger in ein McDonald?s-Restaurant eingeladen und fand prompt Gefallen an der direkten Art der Bewerberin ("Das Eis war schnell gebrochen"). Die hatte zuvor bereits bei zwei anderen Agenturen ihr Glück versucht und war nicht glücklich geworden. Mit Kärcher ist das anders, und der 43-Jährige fühlt sich bestätigt. "Stars machen geht nicht. Aber ich glaube eine Nase zu haben, um die richtigen Sportler zu finden. Ich habe noch nie daneben gelegen." Dies gelte für die Sportgymnastin Magdalena Brzeska ebenso wie für die Beachvolleyballerinnen Maike Friedrichsen und Danja Müsch sowie 800-Meter-Olympiasieger Nils Schumann.

Der Rösch-Aktie hilft im Moment auch eine Friesinger nicht

60 Anfragen von Zeitungen, Magazinen und Fernsehsendungen hat Kärcher für Friesinger in den Wochen vor Olympia abgesagt, weil ansonsten die Konzentration für den Sport gelitten hätte. Auch daheim im beschaulichen Inzell, wo die Telefonzellen noch gelb sind, fand die bekannteste Tochter des Dorfes kaum noch ihre Ruhe. Vereinzelt standen Fans sogar bei ihr vor der Haustür, "und mal eben schnell Brötchen holen ging auch nicht. Dauerte immer mindestens eine halbe Stunde." Am Ortseingang haben sie ein Friesinger-Schild hingestellt, an der Trainingsbahn hängt ein Plakat: "Anni und Markus - wir sind stolz auf Euch." Markus Eicher ist ihr Trainer.

Der ist mit ihr ebenso zufrieden wie alle anderen auch. Andy Rösch zum Beispiel freut sich darüber, dass er in den "Stern" gekommen ist. "Zwölf Seiten Anni Friesinger - nicht schlecht." Dass der Firmenschriftzug auf nackter Haut fehlte, war nicht weiter schlimm: "Rösch wurde ja im Text erwähnt." Die Aktionäre hätten die Zusammenarbeit mit Friesinger positiv aufgenommen, "und sogar der CFO ist inzwischen begeistert". Nur den Absturz des Aktienkurses konnte auch die Sportlerin nicht stoppen, vom Höchstkurs ist der Medizintechnik-Anbieter weit mehr als 90 Prozent entfernt. Erst am Donnerstag gab es den jüngsten Einbruch.

Anni Friesinger wird sich mit diesen Problemen ebenso wenig beschäftigen wie mit der heutigen Eröffnungsfeier im Rice-Eccles-Stadium. Aus Angst vor Terroranschlägen bleibt sie lieber im Olympischen Dorf. Als sie dies im Januar kundgetan hatte, rief prompt der Bundesinnenminister bei ihr an. Sie könne die Veranstaltung an seiner Seite mitverfolgen, bot Otto Schily ihr an. Und seine Bodyguards wären dann auch ihre.

Friesinger lehnte - Minister hin oder her - dankend ab: "Wenn eine Bombe hochgeht, nützen mir ihre Bodyguards auch nichts."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%