Neuer Bezahldienst per E-Mail.
Bezahldienste: Smarter Schnüffler

Die kalifornische Firma PayPal wickelt Zahlungen per E-Mail ab. Kreditkartenmuffel schwören auf die betrugssichere Bezahlmethode.

WiWo/HANNOVER. Unermüdlich begibt sich Igor auf Ganovenjagd. Rund einem Dutzend Betrügern, Dieben und Fälschern legt er jeden Monat das Handwerk. Dabei ist Igor nur ein schnöder Computercode. Genauer gesagt das Anti-betrugsprogramm des kalifornischen Internetfinanzdienstleisters PayPal, das aus den mehr als 200000 vom Unternehmen täglich abgewickelten Überweisungen potenziell Verdächtige herausfischt. Offenbar mit Erfolg, denn benannt ist die Schnüffelsoftware nach einem russischen Hacker, den das US-Startup auffliegen ließ. PayPal bietet einen Service, dem Experten eine rosige Zukunft voraussagen: Bargeldtransfer per E-Mail, im Internetjargon "P2P-Payments" genannt; wobei P2P für "Peer to Peer" steht und den Datenaustausch zwischen zwei Geschäftspartnern umschreibt. Entsprechend einfach soll PayPals Onlinegeldversand funktionieren. Der läuft ab wie das Schreiben einer Mail: Via elektronischer Post schreibt der Absender an PayPal, wie viel Geld er wem überweisen möchte (siehe Kasten). Der Dienstleister prüft die Zahlungsanweisung und bucht den Betrag vom Guthaben des Absenders ab. Anschließend bekommt der Empfänger per Mail eine Benachrichtigung. Dann kann er sich das Geld auf sein Bankkonto gutschreiben lassen oder die Firma um einen Scheck bitten. Den liefert der Postbote. So verlockend einfach das klingt, Geld verdient hat PayPal-CEO Peter Thiel mit diesem Service seit der Firmengründung vor knapp drei Jahren noch nicht. Im Gegenteil: Bisher hat das Unternehmen mehr als 250 Millionen Dollar Startkapital verbraucht, ohne einen Cent Gewinn zu erwirtschaften. Trotzdem wurde der Börsengang am 15. Februar zum Triumph. Erstmals seit Ende des Aktienbooms konnten sich die Anleger wieder für ein Dotcom-Unternehmen begeistern: Das PayPal-Papier schoss am ersten Handelstag an der Computerbörse Nasdaq um gut 50 Prozent nach oben - von 13 Dollar auf über 20 Dollar und liegt heute bei rund 18 Dollar. Nicht ohne Grund: Immerhin verschicken bereits rund 14 Millionen Menschen Geld per Mail - davon über zwölf Millionen via PayPal. In den USA, wo sich das Gros dieser Zahlungen abspielt, betrug die Summe aller P2P-Überweisungen nach Berechnung des Marktforschungsunternehmens Jupiter Media Metrix im vergangenen Jahr bereits 1,9 Milliarden Dollar. Doch innerhalb von fünf Jahren, prophezeit Jupiter, wird die Summe allein in den USA auf über 13 Milliarden Dollar wachsen. Zudem würden sich P2P-Payments weltweit etablieren als bequeme und billige Alternative zur traditionellen Giro-Überweisung. Um P2P-Payments tatsächlich zur ernsthaften Konkurrenz für die Giro-Überweisung machen zu können, müssen die Anbieter indes ihre Systeme gegen Missbrauch abschotten - beispielsweise mit smarten Schnüfflern wie PayPals Sicherheitssoftware Igor. Denn aus Angst vor kriminellen Hackern lehnen es nach einer Jupiter-Studie weltweit 60 Prozent aller Netzsurfer ab, persönliche Daten oder Kreditkartennummern über das Web preiszugeben. PayPal wiederum macht sich die Betrugsangst der Kunden vor Onlinezahlungen via Kreditkarte zu Nutze und lockt mit einem ausgefeilten Sicherheitssystem. Seine Daten jedoch sind für Hacker unzugänglich in PayPals internem Computernetz gespeichert. Virtueller Identitätsklau sei unmöglich, verspricht CEO Thiel. Trotzdem gibt es genug zu tun für Igor und seine rund einhundert Helfer aus Fleisch und Blut, die jede Transaktion überprüfen, die dem Antibetrugsprogramm spanisch vorkommt. Außerdem verfeinern PayPals Programmierer ständig die Parameter der Detektivsoftware, um möglichst vielen Spitzbuben auf die Schliche zu kommen. Zum Beispiel Abzockern, die Waren übers Internet verkaufen - und dann nicht liefern. So schlug Igor Alarm, als ein Nutzer innerhalb kurzer Zeit rund 3000 Überweisungen von je 350 Dollar erhielt. Es handelte sich um einen Kalifornier, der auf seiner Web-Seite Sony-Playstations zu einem Zeitpunkt anbot, als die Spielekonsolen im Handel fast vergriffen waren. PayPal sperrte sein Konto und meldete ihn der Polizei. Tatsächlich verfügte der Mann über keine einzige Playstation und hatte offenbar vor, mit der ergaunerten Million durchzubrennen. Eng verbunden ist PayPals Erfolg mit dem des Onlineauktionshaus E-Bay. Rund 25 Prozent aller E-Bay-Bieter in den USA nutzen den Dienst mittlerweile, um ersteigerte Waren zu bezahlen. P2P-Zahlungen lohnen sich vor allem für Kleinunternehmen: Wer in seiner Freizeit Seidenschals bemalt und sie bei Onlineauktionen verscherbelt, akzeptiert in der Regel keine Kreditkarten. Denn Visa und Co. berechnen kleinen Internethändlern bis zu sechs Prozent Gebühren. Begründung: Die Wahrscheinlichkeit eines Kreditkartenschwindels im Web ist 16-mal höher als im Kaufhaus. Diese Einschätzung stützen renommierte Marktforscher. Nach Angaben der Gartner Group haben bei über einem Prozent aller Einkäufe im Netz Betrüger die Finger im Spiel. PayPal behauptet dagegen, es habe dank Igor seine Rate krimineller Transaktionen auf 0,42 Prozent gesenkt, Tendenz fallend - bei täglich 18000 neuen Kunden. "Manchmal habe ich das Gefühl, wir übertreiben es sogar ein wenig mit der Sicherheitâ??, sagt PayPal-CEO Peter Thiel Eine Aussage, der frustrierte Exkunden beipflichten. So klagen ehemalige Nutzer in mehreren Web-Foren über miesen Service des Finanzdienstleisters. Den meisten hatte PayPal das Konto gesperrt, nachdem Igor vermeintlich verdächtige Bewegungen aufgefallen waren. In der Folgezeit mussten sie oft wochenlang warten, um an ihre Guthaben zu kommen, selbst wenn sie ihre Unschuld umgehend beweisen konnten. Längst jedoch hat das Wachstum des kalifornischen Startups die Konkurrenz auf den Plan gerufen. Vor allem Banken fürchten um ihre einträglichen Gebührenmodelle und springen auf den fahrenden Zug. Die besten Zukunftsaussichten räumen Analysten neben PayPal der Citibank mit ihrem P2P-Ableger c2it ein. Vom Erfolg des Vorbildes ist der Citibank-Klon indes noch weit entfernt: Nach Einschätzungen von Gartner-Analystin Avivah Litan bringt es c2it erst auf 1600 Transaktionen pro Monat mit einem Volumen von einer Million Dollar. Doch selbst von solch verhältnismäßig geringen Umsätzen ist das E-Payment in Deutschland noch weit entfernt. Überweisungen per E-Mail sind weit gehend unbekannt. Allerdings haben sowohl PayPal als auch c2it nach den US-Erfolgen nun auch Europa und Deutschland im Visier: Beide verhandeln derzeit mit potenziellen Partnern. Zudem will sich mit dem hessischen Jungunternehmen AnyPay ein heimischer Konkurrent ins Rennen um den neuen Zahlungsmarkt begeben. Bisher allerdings gibt es in Deutschland nur einen ernst zu nehmenden P2P-Anbieter; den Finanzdienstleister Paybox, eine 50-Prozent-Beteiligung der Deutschen Bank. Und der setzt bei der Zahlung nicht auf die elektronische Post, sondern das Mobiltelefon. Mit dieser Technologie will die Deutsche Bank Paybox sowohl zu einem europäischen Dienst ausbauen als auch weltweit expandieren. Gemeinsam mit dem taiwanischen Kommunikationskonzern Pacific Electric Wire and Cable (PEWC) soll die gemeinsame Tochter Paybox Global noch im ersten Halbjahr ihre Bezahldienste in den USA anbieten. Die Lizenz für den Aufbau des Paybox-Geschäfts in den USA und in Asien hat sich PEWC Anfang Februar bei der Deutschen-Bank-Tochter für einen deutlich zweistelligen Millionenbetrag in US-Dollar gesichert. Die Investition könnte sich rechnen: James Van Dyke von Jupiter Media Metrix schätzt, dass P2P-Dienste schon in vier Jahren ihren Anteil am Onlinehandel in den USA versiebenfachen: "Bei Onlineauktionen, privaten Überweisungen ins Ausland und Gelegenheitszahlungen unter Kumpels wird das System viele Anhänger finden."

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