Neuer Chef der Großgewerkschaft will Mitgliederschwund stoppen
Bsirske fordert von Verdi "Beweglichkeit"

Der neue Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske will die Integration der neuen Gewerkschaft über einen Spagat erreichen: Er will kämpferische Traditionen pflegen und aufgeschlossen gegenüber neuen Arbeitsformen sein. Bsirske und IG-Metall-Chef Klaus Zwickel treten Spekulationen über eine Konfrontation entgegen

dc BERLIN. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat den Abbau der Arbeitslosigkeit zu seinem Erfolgsmaßstab gemacht, für Verdi-Chef Frank Bsirske ist es eine Steigerung der Mitgliederzahl: Er wolle "den Mitgliedertrend der letzten Jahre umkehren und vor allem die Zahl der Mitglieder unter 30 erhöhen", versprach der neu gewählte Vorsitzende der Großgewerkschaft gestern in seiner ersten Grundsatzrede in Berlin. "Daran könnt ihr diesen Bundesvorsitzenden und diesen Bundesvorstand messen", rief er den 1 000 Verdi-Delegierten zu.

Neben Computer- und Multimedia-Branche sieht Bsirske auch bei Werbeagenturen, Call-Centern, privaten Postdiensten, im Privatrundfunk sowie bei privaten Pflegediensten und Kirchen viel Potenzial für neue Verdianer. Allerdings müsse Verdi dafür "neue Beweglichkeit entwickeln". Wenn ein Web-Designer projektbezogen zwölf Stunden täglich arbeite, sei es nicht Aufgabe von Verdi, ihm das zu verbieten.

Die Gewerkschaften müssten zur Kenntnis nehmen, dass in jungen Unternehmen "nicht nur prekäre Beschäftigungsverhältnisse entstehen, sondern auch neue Beschäftigungs-Chancen", sagte er. "Tarifpolitik soll den Menschen nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben, sondern ihnen helfen, so zu leben, wie sie das gerne möchten."

Zugleich sieht der neue Verdi-Chef allerdings auch ein Vorbild in kämpferischen Aktionen zur Durchsetzung tariflicher Regeln, wie sie im Dienstleistungssektor bisher insbesondere die Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen (HBV) praktiziert hat: Durch Boykottaufrufe und Protestaktionen, die Kunden und Bürger für ihre Interessen mobilisieren. Für die in Kürze beginnenden Tarifverhandlungen bei Banken, Versicherungen und Handel kündigte Bsirske eine harte Gangart an: "Hier wird Verdi Flagge zeigen."

Gegenüber der IG Metall, die nun nur noch die zweitgrößte deutsche Gewerkschaft ist, und gegenüber dem Gewerkschaftsbund DGB warb er für einen kooperativen Kurs: "Wir suchen die Zusammenarbeit." Wenn Verdi neue Mitglieder gewinnen wolle, so gehe es nicht darum, sie anderen Organisationen abzuwerben. Gegenüber den Gewerkschaften Transnet sowie Erziehung und Wissenschaft (GEW) verfolge Verdi eine "Politik der ausgestreckten Hand". Beide hatten sich während der dreijährigen Vorbereitungen für Verdi ausgeklinkt.

Auch IG-Metall-Chef Klaus Zwickel erkennt keine Rivalität zwischen seiner Organisation und Verdi. "Ich freue mich auf einen neuen, starken Partner", betont Zwickel in einem am Dienstag veröffentlichten Beitrag für das Mitgliedermagazin "Metall". Er setze auf die guten Erfahrungen, die beide Gewerkschaften bei den gemeinsamen Aktionen zur Rentenreform gemacht hätten

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Im Konflikt um das Bündnis für Arbeit unterstrich Bsirske die Position, für die er zuvor bereits von der größten Verdi-Gründungsgewerkschaft ÖTV klaren Rückhalt erhalten hatte: scharfe Kritik an bisherigen Ergebnissen, aber kein Ausstieg. Ein Ausstieg mache "keinen Sinn", da es immer vernünftig sei, Gemeinsamkeiten mit Bundesregierung und Arbeitgebern auszuloten. "Denn niemand im Bündnis kann zu Verabredungen gezwungen werden, die er nicht treffen will."

Auch wenn diese pragmatische Position bei etlichen Delegierten keinen Beifall erhält, kann Bsirske auf breite Unterstützung zählen: Bei der Wahl zum Verdi-Bundesvorstand, der als Einheit gewählt wird, erhielten die von den Einzelgewerkschaften nominierten Kandidaten eine Zustimmung von 95 %.

Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) hatte die Gründung der neuen Großgewerkschaft zuvor als wichtigen Schritt für Einheit und Stärke der Gewerkschaftsbewegung begrüßt. Mit Blick auf Meinungsunterschiede im DGB über die Zukunft des Bündnisses für Arbeit forderte Riester die Gewerkschaften auf, Spannungen zu vermeiden: "Lasst so was nicht aufkommen", sagte der frühere IG Metall-Vize. Bsirske zeigte sich für die weitere Zukunft der Gewerkschaften fast uneingeschränkt zuversichtlich: "Sie werden das Gesicht des 21. Jahrhunderts prägen."

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