Neuer Chef des Edelsteinkonzerns Alrosa
Unsicherheit belastet Preise für Diamanten

Mit Wladimir Kalatin soll die russische Diamantenförderung in eine neue Ära aufbrechen. Der bisherige Chefingenieur des weitgehend staatlichen Edelstein-Konzerns Almasy Rossii (Alrosa) ist zum neuen Chef des Unternehmens ernannt worden.

MOSKAU. Sein Vorgänger Wjatscheslaw Schtyrow war zum Gouverneur der zentralsibirischen Provinz Sacha-Jakutien gewählt worden, der Heimat der russischen Brillanten. Kalatin bekommt für Alrosa neue Freiheiten. Denn Ende Dezember hatten Alrosa und der Quasi- Weltmarkt-Monopolist De Beers einen neuen Fünf-Jahres-Vertrag über die Lieferung russischer Diamanten an die Südafrikaner geschlossen. Danach wird Alrosa weiter den Großteil seiner Ausbeute an die Firma der berühmten Oppenheimer-Familie abliefern - 50 % der russischen Förderung; Diamanten im Wert von 4 Mrd. $ für einen Zeitraum von fünf Jahren. Das dient nach Ansicht De Beers der Preisstabilisierung.

Aber neben De Beers, das bisher sogar 95 % der russischen Ausfuhren kontrollierte, wird der Diamantenkonzern Almasjuwelierexport etwa 20 % der russischen Edelsteine ausführen, wenn ein entsprechender Präsidenten-Erlass unterzeichnet wird. Zudem gelangen mehr Diamanten auf den russischen Markt - für 800 Mill. $ in diesem Jahr, bis zu 1 Mrd. $ im Jahr 2006, die aber auch ausgeführt werden können.

Moskau hatte beim Fünf-Jahres- Plan mit De Beers letztlich eingewilligt, um die in letzter Zeit stark schwankenden Diamantenpreise zu stabilisieren. Offiziell hatte Russland sein Streben nach Unabhängigkeit von den Oppenheimers damit begründet, mehr Rohstoff für seine Juwelenindustrie zu benötigen, da die Diamantenschleifereien expandierten. "Die Hälfte der gewonnenen Rohdiamanten für den Binnenmarkt reicht nicht", meint Ararat Ewojan, Vizepräsident der russischen Assoziation der Brillanten-Industrie. "Wir brauchen wegen des wachsenden Marktes im Land 70 % gemessen am Wert der Förderung."

Analysten in der russischen Hauptstadt befürchten indes, dass es dem Kreml weniger um die heimischen Brillantenschleifer gehe, als darum, an De Beers vorbei in alle Welt Rohdiamanten zu verkaufen und mehr zu kassieren. Bisher schon liefere Moskau geschmuggelte Edelsteine für 100 bis 200 Mill. $ nach Antwerpen, Tel Aviv und Indien. Dies unterhöhle die Preispolitik der Südafrikaner.

Der Preis könne aber auch wegen des Gezerres um Alrosa in Schieflage geraten: Der Kreml als Zentralmacht und die Provinz Sacha-Jakutien streiten um die Macht über die Diamantenförderer. Je 32 % an dem Konzern gehören der Zentral- und der jakutischen Regierung. 8 % sind in den Händen jakutischer Dörfer, in denen sich die tiefen offenen Gruben befinden, 23 % liegen bei der Belegschaft und 5 % beim Militärfond "Garant". Doch Gewinne und Steuern Alrosas bleiben zum Ärger des Kremls weitgehend in Sibirien.

Ex-Alrosa-Chef Schtyrow war daher von Moskau bei der Wahl Ende Dezember als Gouverneur unterstützt worden, damit er die Kommandobrücke der Diamantenförderer verlässt. Doch der Plan, einen Moskau treu ergebenen Mann an die Alrosa - Spitze zu stellen, ist gescheitert. Die Ernennung Kalitins gilt als Kompromiss, die Alrosa - Schlacht als noch nicht geschlagen.

Im vorigen Jahr hat Alrosa für 1,63 Mrd. $ Diamanten gefördert; 2002 sollen es 1,6 Mrd. $ sein. Das sind nahezu 100 % der russischen Förderung und 20 % der Welt-Diamantenproduktion. Insgesamt macht der russische Diamantenmarkt 2,2 bis 2,3 Mrd. $ jährlich aus, wovon geschliffene Brillanten 700 bis 800 Mill. $ ausmachen. Alrosa muss sich von der Regierung jedes Jahr eine Exportgenehmigung und-quote gewähren lassen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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