Neuer Chef von United Airlines
Glenn Tilton: Ein Außenseiter als Retter

Ein Jahr nach dem Anschlag in New York kämpft die US-Fluggesellschaft ums Überleben. Ausgerechnet Glenn Tilton, ein Mann ohne Branchenerfahrung, soll das Steuer herumreißen.

NEW YORK. Er verschwendet in seinem neuen Job keine Zeit. Gleich nach seinem Amtsantritt in der vergangenen Woche hatte es Glenn Tilton eilig, sich bei einer Sondersitzung der Gewerkschaften blicken zu lassen. Der neue Chef der UAL Corp., der Mutter von United Airlines, weiß, dass er ohne die Zustimmung der Arbeitnehmervertreter nicht weit kommt.

Der 54-Jährige mit der hohen Stirn und dem korrekten Seitenscheitel hätte wohl kaum eine schwierigere Aufgabe finden können: Er muss die zweitgrößte US-Fluggesellschaft vor dem Bankrott retten. UAL hat in den vergangenen 18 Monaten fast drei Milliarden Dollar Verlust eingefahren.

Erst vor einem Monat hatte Tiltons Vorgänger Jack Creighton gedroht, die Fluggesellschaft mit Sitz in Elk Grove Township in Illinois müsse Gläubigerschutz unter der Chapter-11-Regel beantragen, falls die Regierung nicht die staatlichen Kredite in Höhe von 1,8 Milliarden Dollar bewillige. Damit das jedoch geschehe, forderte Interimschef Creighton von seinen Mitarbeitern in den nächsten sechs Jahren Gehaltseinbußen in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar.

Doch seitdem haben sich die Seiten nur noch mehr verhärtet. Die Mitarbeiter - denen die Fluggesellschaft zu 55 Prozent gehört - kritisierten Creighton heftig. Er verlange von ihnen nur Zugeständnisse. Er lege aber keinen soliden Geschäftsplan vor, der zeige, wie er das Ruder herumreißen wolle.

Und das soll mit Tilton jetzt anders werden? Er kann keinerlei Erfahrung in der Airline-Branche vorweisen. Er verbrachte sein ganzes Berufsleben nur in der Ölindustrie und nur bei einem Konzern, der Texaco, aus der nach der Fusion Chevron-Texaco wurde. Außerdem sind seine Erfahrungen als Top-Manager bei einem Großkonzern bescheiden. Nur neun Monate war er Vorstandschef von Texaco, bis dieser mit Chevron fusionierte und Tilton Vize-Chairman von Chevron-Texaco wurde.

Aber er hat zumindest schon einmal das Krisenmanagement kennen gelernt: beim US-Energiehändler Dynegy. Vorübergehend übernahm er für einige Monate die Rolle des Chairmans des angeschlagenen Konkurrenten von Enron.

Und was ihm bei seinem neuen Job helfen kann, ist seine Art: Ex-Kollegen beschreiben ihn als umgänglichen Manager, der Konsens schaffen kann. "Er fühlt sich genauso wohl im Vorstandsbüro wie bei den Arbeitern am Fabriktor", sagt ein Texaco-Kollege über ihn. Außerdem hatte er schon als Europa-Chef von Texaco mit Gewerkschaften zu tun. Er sei ein zupackender Manager, der Erfahrung mit schwierigen Aufgaben habe, ist Jeff Dietert, Analyst beim Finanzhaus Simmons & Co. International, überzeugt, der Tilton vor allem als Chairman bei Dynegy erlebte.

Management-Experten raten dem neuen UAL-Chef dringend, alles daranzusetzen, das Vertrauen der Gewerkschaften zu gewinnen: "Er sollte sagen: Mein Ziel ist es, eure Jobs zu sichern und, wenn es so weit ist, auch mehr zu zahlen. Aber jetzt brauche ich eure Hilfe, um die Passagiere wieder in die Flugzeuge zu bekommen." Das rät Robert Dillenschneider, CEO der Krisenmanagement- und PR-Agentur Dillenschneider Group. Fadel Gheit, Öl-Analyst bei Fahnestock & Co., sieht es sogar als Vorteil, dass der neue Chef von außen kommt und ein wenig "frischen Wind" ins Unternehmen bringt. "Er wird die Dinge unorthodox angehen."

Tiltons Stippvisite bei der Sondersitzung der Gewerkschaften sehen Beobachter denn auch als Schritt in die richtige Richtung. Und der Ton, den er dort anschlug, war auch deutlich kompromissbereiter als die Drohreden der letzten United-Airlines-Chefs. Der Bankrott sei keine "unausweichliche Folge", versicherte er den anwesenden Arbeitnehmervertretern. Außerdem deutete er an, dass er die Frist für eine Einigung mit den Mitarbeitern verlängern könnte. Der alte Vorstand hatte gedroht, dass er bis zum 15. September eine Entscheidung brauche, um einen Tag später den neuen Antrag auf Staatskredite zu stellen. Tilton zeigte sich flexibler.

Zumindest bei den Flugbegleitern kommt der Airline-Retter an: "Jetzt haben wir jemanden, der sich mit dem amerikanischen Arbeiter identifizieren kann, und wir glauben, das ist noch wichtiger als Erfahrungen mit den Gewerkschaften", sagt Sara Delacruz, Sprecherin der Flugbegleiter-Gewerkschaft, über den neuen Vorstandschef. Sie sind zuversichtlich, dass er den Job schaffen kann und dass er "versteht, dass er dafür mit uns zusammenarbeiten muss".

Doch Tilton sollte gewarnt sein. Auch andere Chefs des Lufthansa-Partners United Airlines hatten die Unterstützung der Gewerkschaften - zunächst. Sie haben sie aber später wieder verloren.

Quelle: Handelsblatt

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%