Neuer DGB-Vorsitzender
Kommentar: Verzweifelte Suche nach Halt

Wenn das Wir-Gefühl nicht mehr funktionieren will und die Sinnkrise droht, dann ist es Zeit für eine Offensive gegen den neoliberalen Zeitgeist. So verfahren zumindest die Gewerkschaften - und reden dann besonders laut. Doch für wen? Das Publikum hat sich an ihre verbale Kraftmeierei gewöhnt und hört allenfalls noch beiläufig zu. Denn die Realität am Arbeitsplatz hat die markigen Parolen von der Arbeitnehmer-Gegenmacht längst überholt.

Die Folge ist eine dramatische Absetzbewegung. Vier Millionen Mitglieder haben die Gewerkschaften in den vergangenen zehn Jahren verloren, das ist immerhin ein Drittel. Jetzt tritt mit Michael Sommer wieder einmal einer an, der das Ruder herumzureißen verspricht. Mit satten 94 Prozent haben ihn die Delegierten der Einzelgewerkschaften zum Vorsitzenden des DGB gewählt. Das ganze Spektrum einer heterogenen Bewegung, die vom Klassenkampf bis zur Kooperation mit den Mächtigen alles in sich vereint, setzt ihre Hoffnung in den 50-jährigen Diplompolitologen. Und in der Tat. Um große Versprechen ist der neue DGB-Chef nicht verlegen. Sommer will die Meinungsführerschaft der Gewerkschaften zurückgewinnen, den Mitgliederschwund stoppen, für eine Trendwende in Sachen sozialer Gerechtigkeit kämpfen - eben alles, was seinen Funktionärskollegen in ihrer Sinnkrise Halt und Identifikation verschafft.

Das mag ein paar Hundert Gewerkschafter für die Dauer eines Kongresses befriedigen. Die Welt außerhalb dieser Käseglocke ändert das nicht. Denn Sommers Vision von einem Sozialkontrakt, mit dem sich die Gewerkschaften dem vermeintlichen Sozialabbau in Deutschland entgegenstellen wollen, bleibt inhaltsleer. Von der Irrlehre des Marktes und der Privatisierung staatlicher Aufgaben ist da die Rede, vom Recht auf Ausbildung und Arbeit für alle. Und weiter? Kein Wort dazu, wie der DGB-Chef diese Ansagen mit der Realität einer fundamental veränderten Arbeitswelt in Einklang bringen will.

Sommers politischer Marschbefehl für die nächsten vier Jahre ist nur mehr ein Beleg dafür, wie entsetzlich langsam Massenorganisationen wie die Gewerkschaften sind. Bis sie eine neue Wirklichkeit begreifen und klar benennen können, liegt deren Aktualität schon ein Jahrzehnt zurück. Noch immer haben DGB & Co. nicht begriffen, dass an die Stelle der lebenslangen Bindung zwischen Mitarbeiter und Unternehmen Märkte für Fachwissen getreten sind, auf denen wir Arbeitskräfte je nach Bedarf mal hierhin, mal dorthin wandern. Man mag das beklagen. Ändern wird man es dadurch nicht. Frei nach Otto Rehagel will Sommer zwar in die "kontrollierte Offensive" gehen. Doch seine Idee vom Sozialkontrakt atmet nur wieder den Geist eines Bündnisses für Arbeit, das sich allein an den Dinosauriern der Industriegesellschaft orientiert. Den Sprung ins Informationszeitalter schaffen die Gewerkschaften so nicht.

Dabei könnten gerade die Beschäftigten in dieser neuen Arbeitswelt eine Interessenvertretung gut gebrauchen. Der permanente Erhalt ihrer Beschäftigungsfähigkeit, ihres Wertes auf einem sich immer schneller verändernden Arbeitsmarkt, bietet vielfältige Ansätze für eine moderne Arbeitnehmerorganisation. Nur eben eine andere, als sie die DGB-Gewerkschaften mit ihrer larmoyanten Klage über das amerikanische "hire and fire" bieten. Die haben jetzt zwar einen neuen Vorsitzenden - aber bleiben doch ganz die Alten.

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