Neuer EM.TV-Chef will angeschlagene Filmunternehmen am Neuen Markt übernehmen
Analyse: Großes Aufräumen in der Medienbranche

Spielernaturen wie Thomas Haffa waren vielen mächtigen Männern im Kirch-Konzern seit jeher zuwider. Denn sie haben die Preise auf dem sonst so lukrativen Filmrechtemarkt gründlich verdorben. Doch die Zeiten des Goldrausches sind für EM.TV und für andere Filmrechteunternehmen vorbei. Nun werden die Karten in der Medienbranche neu gemischt.

Am Spieltisch hat Werner E. Klatten Platz genommen. Der neue Chef und Großaktionär des hoch verschuldeten Neuen-Markt-Unternehmens EM.TV bestimmt mit Leo Kirch künftig die Spielregeln. Der Zeitpunkt, den Filmrechte- und Merchandisingmarkt neu zu ordnen, ist günstig. Die extrem niedrigen Aktienkurse fast aller Medienunternehmen machen Übernahmen zu einem preiswerten Abenteuer.

Der bisherige Spiegelnet-Chef Klatten hat Großes vor: Zuerst sollen möglichst schnell die Reste des einstigen Haffa-Imperiums (Jim-Henson-Group) zu Geld gemacht werden. Mit neuen Mitteln sollen dann schlecht bewertete Medienfirmen am Neuen Markt billig gekauft werden. Kandidaten gibt es genug. Zum Beispiel würde Trickfilmproduzent RTV Family Entertainment gut ins Portfolio passen.

Bei den Betroffenen dürfte er damit durchaus offene Türen einrennen: Die Bereitschaft vieler Medienunternehmen, in einem sicheren Hafen vor Anker zu gehen, ist groß. Die krisengebeutelten Aktiengesellschaften haben begriffen: Überlebensfähig ist nur, wer sich Kirch oder RTL zum Freund macht. Das private Duopol hat den deutschen Fernsehmarkt fest im Griff. Zu spüren bekam das etwa der Filmrechtehändler Kinowelt, dessen attraktives Filmpaket aus Hollywood sich in Deutschland als unverkäuflich erwies. Und ohne Käufer wird die teure Ware schnell wertlos.

Klatten kennt den volatilen Markt gut. Als früherer Geschäftsführer von Sat 1 kaufte er einst für 700 Millionen Mark ein Filmpaket von Leo Kirch. Damals, in den Zeiten des Machtkampfes zwischen dem Springer-Verlag und dem Münchener Medienkonzern, galt Klatten als "Kirch-Mann".

Der in der Medienbranche als "Erlöser" betitelte Unternehmer könnte es mit seiner Erfahrung und seinem Wagemut schaffen, auch für Kirch die Medienwelt wieder in Ordnung zu bringen. Beide müssten über EM.TV nur ein Firmen-Netzwerk entwickeln, das beispielsweise auf dem übersichtlichen Rechtemarkt verhindert, die Einkaufspreise weiter in Schwindel erregende Höhen zu treiben. Doch nicht nur bei den Rechtehändlern und Merchandisingspezialisten gibt es so manches Schnäppchen, sondern auch bei Filmherstellung oder Technik. Klatten spricht vieldeutig von einem dritten oder vierten Standbein für die neue EM.TV AG.

In den Jahren des Börsenbooms hatten die neuen Medienunternehmer vom Neuen Markt kleine und große Träume. Thomas Haffa sah sich nach dem Kauf der Muppets schon als künftiger Disney. Doch von den Visionen der vielen "kleinen Kirchs" ist nicht mehr viel übrig geblieben. Rückkehr zur Normalität heißt die Devise in dieser schwierigen Zeit.

Der Mediensektor schrumpft sich derzeit gesund. Die Chancen auf einen Neuanfang aus eigener Kraft haben sowieso nur die wenigsten Unternehmen. Viele kleine Firmen könnten schon bald vom Kurszettel verschwinden, wenn sie nicht Zuflucht bei einem starken Freund suchen. Leo Kirch und seine Mannen stehen für diese Art von Hilfeleistung bereit. EM.TV ist daher nicht nur ein Lehrstück für den Neuen Markt, sondern für die Medienbranche insgesamt. Nicht jedes Geschäft ist für die Börse geeignet. Der hoch riskante Filmrechtehandel ist dafür ein Musterbeispiel. Thomas Haffa wird daher sicherlich nicht der Letzte sein, für den es heißt: Das Spiel ist aus.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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