Neuer Friedenspreisträger
Auszüge aus Reemtsmas Laudatio auf Habermas

dpa FRANKFURT/MAIN. In seiner Laudatio für den neuen Friedenspreisträger Jürgen Habermas hat der Literaturwissenschaftler und Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Jan Philipp Reemtsma, das Lebenswerk des Philosophen und Soziologen gewürdigt. Es folgen Auszüge aus Reemtsmas Redemanuskript:

... Habermas stellte (...) die Frage nach der "faschistischen Intelligenz", (...) und er klagt (...) die (...) Jahre ein, in denen es an Mut gefehlt habe, "das Risiko der Auseinandersetzung mit dem, was war, was wir waren, einzugehen". Hier ist ein Lebensthema angeschlagen, das aufzugeben die Bundesrepublik Deutschland ihrem Philosophen nicht gestattete. Es waren Interventionen unterschiedlicher Art gegen die "Entsorgung der Vergangenheit" beziehungsweise die Reduktion der Aufarbeitung der Vergangenheit als eine "Art Schadensabwicklung", bis hin zu dem Leserbrief an den Frankfurter Oberbürgermeister Wallmann 1987 zur Frage der historischen Besonderheit des deutschen Antisemitismus. (...)

Intellektuelle Westbindung

Schließlich lernten wir auch über Carnaps, Wittgensteins und Poppers Schriften die in der angelsächsischen Welt herrschende Philosophie kennen; wir sahen, dass mit Wissenschaftstheorie und Sprachanalyse Maßstäbe für methodische Disziplin gesetzt worden waren, denen die kontinentale Philosophie nicht mehr genügte. Habermas ist sowohl Nutznießer als auch entscheidender Beförderer ihrer Rezeption gewesen. Dieser Schritt zu einer intellektuellen Westbindung ist ein wichtiger Teil der Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik, ein großer Schritt aus dem Pfad des Sonderwegs. (...)

Schließlich - und dieser Möglichkeit galten Habermas' jüngste Beiträge zur Diskussion um die Chancen und Risiken der Gentechnologie - wäre denkbar, dass es dem Menschen so an die anthropologische Substanz geht, und zwar durch die Auswirkungen seiner Fähigkeiten zur Selbstmanipulation auf Selbstbild und - bewusstsein, dass ihm sowohl das Gefühl für die Kontingenz der eigenen Existenz als Voraussetzung der Fähigkeit zur kritischen Aneignung seines eigenen Lebens, als auch sein Potenzial der Lebensführung in Eigenregie abhanden kommt. (...)

Wir ehren in Jürgen Habermas den Verfasser eines Werks, das die Kontingenz seiner Entstehungsbedingungen in eine komplexe Diagnose der Unvermeidlichkeiten, Chancen und Risiken unseres weltgeschichtlichen Ortes verwandelt hat, einen Mann, der darum einer der großen Theoretiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts genannt werden kann, weil er an dessen zentraler Aufgabe mitgearbeitet hat, geschichtsphilosophische Motive in sozialwissenschaftliche Rekonstruktionen und Hypothesen zu transformieren - und eben gerade darum auch einer des beginnenden 21. Jahrhunderts genannt werden muss. ...

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