Neuer Kodex
Verband stärkt Analysten den Rücken

Der größte deutsche Analystenverband DVFA plant strengere Regeln für seine Mitglieder. Danach müssen Analysten künftig angeben, ob sie Wertpapiere der untersuchten Firmen halten. Der Verband reagiert damit auf neue Gesetze und öffentliche Kritik. Eine strikte Trennung zwischen Research und Investmentbanking ist aber nicht geplant.

HB/tmo FRANKFURT/M. Das Regelwerk, das dem Handelsblatt vorliegt, enthält gegenüber den bisher geltenden DVFA-Standesrichtlinien verschärfte Normen. So geht es etwa auf die vielfach kritisierte Praxis ein, dass viele Analysten den Unternehmen ihre Studien vorab zuschicken müssen. Dies darf laut DVFA-Kodex künftig nur noch zum Tatsachenabgleich dienen - nicht zur Kritik am Anlageurteil. Die Empfehlung des Analysten dürfen die Unternehmen künftig nicht mehr vorab einsehen. Eine ähnliche Praxis hat bereits die Compliance-Abteilung der Deutschen Bank vor einigen Monaten eingeführt.

Außerdem wird der Eigenhandel von Analysten und deren Familien in den von ihnen untersuchten Wertpapieren eingegrenzt. Grundsätzlich ist er künftig verboten; Ausnahmen gelten nur für Geschäfte, die eine "neutrale Kontrollstelle", in der Regel die bankinterne Überwachung (Compliance), für unbedenklich erklärt. Weiter soll jeder DVFA-Analyst verpflichtet werden, in Studien auf wirtschaftliche Verbindungen mit dem analysierten Unternehmen hinzuweisen.

Allerdings bleibt die DVFA in anderen Punkten hinter den radikalen Forderungen zurück, die derzeit Staatsanwälte und Anlegerschützer in den USA erheben. So verlangt der Verband keine strikte rechtliche Trennung von Analyseabteilung und Investmentbanking. Diese versucht derzeit der New Yorker Staatsanwalt Eliot Spitzer bei den US-Investmentbanken durchzusetzen. "Ich sehe nicht, wie man die Arbeit der Analysten finanzieren will, wenn man sie völlig von den Banken abtrennt", sagt Fritz Rau, Vorstandsvorsitzender der DVFA. Deshalb lehnt der Verband auch die Forderung ab, Analysten unabhängig vom Investmentbanking zu bezahlen. Die DVFA hält es aber für sinnvoll, dass Banken die Kriterien offenlegen, nach denen sie Analysten bezahlen.

Nicht Gegenstand des DVFA-Kodex ist die Frage, welche konzernweiten Interessenkonflikte die Banken künftig in Analystenstudien veröffentlichen müssen. "Das regelt bereits der Gesetzgeber, wir beschränken uns auf den einzelnen Analysten", sagt Rau. Das neu gefasste Wertpapierhandelsgesetz sieht die Offenlegung von Interessenkonflikten auf Bankebene vor (§ 34b). Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin) hat eine Bekanntmachung entworfen, die dieses Gesetz näher auslegt. Der Entwurf liegt derzeit zur Kommentierung aus. In einer Stellungnahme kritisiert der Zentrale Kreditausschuss der Banken Teile des BAFin-Entwurfs.

Hintergrund des neuen DVFA-Kodex ist zum einen die geänderte Gesetzeslage durch das Vierte Finanzmarktförderungsgesetz und die EU-Richtlinie zum Marktmissbrauch. Außerdem ist die Analystenbranche im Zuge der Börsenkrise unter öffentlichen Druck geraten. Investoren kritisieren, dass Aktienexperten unverändert mehr positive als negative Anlageurteile veröffentlichen. Als Grund gilt der Interessenkonflikt, in dem die Großbanken stehen: Einerseits erwarten Investoren objektive, kritische Analysen. Andererseits wünschen Firmenkunden, die lukrative Mandate für Börsengänge und andere Kapitalmaßnahmen vergeben, eine positive Beurteilung.

Der Kodex betrifft auch das Verhältnis zwischen Analyst und seinem Arbeitgeber. So sollen Verbandsmitglieder sich darum bemühen, dass die Objektivitäts-Regeln der DVFA Teil ihres Anstellungsvertrages werden. "Darüber wurde im Vorstand lange diskutiert", sagt Rau. Er hofft, dass der öffentliche Druck die Banken veranlasst, diese Soll-Vorschrift umzusetzen. "Derzeit wird sich jede Bank gut überlegen, das abzulehnen", sagt er.

In Kraft tritt der Kodex, wenn die Mitgliederversammlung der DVFA ihn im Dezember ratifiziert. Die Regeln wurden bereits abgestimmt mit der BAFin und auf EU-Ebene mit dem Committee of European Securities Regulators (CESR), der Arbeitsgemeinschaft nationaler Aufsichtsämter. Die Großbanken waren von Anfang an beteiligt. So kommt DVFA-Chef Rau von der Commerzbank, und Dieter Eisele, bis vor kurzem Compliance-Chef der Deutschen Bank, arbeitete maßgeblich mit.

Quelle: Handelsblatt

Der neue DVFA-Kodex im Web: www.dvfa.de
BAFin-Entwurf zu Interessenkonflikten: www.bafin.de (Rechtlliche Grundlagen - Schreiben)

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