Neuer Konzernchef will Auslandsbeteiligungen abstoßen -Schonfrist für LTU
Rekordverlust zwingt SAir-Group zu tiefen Schnitten

Die SAirGroup hat ein miserables Jahr 2000 hinter sich. Binnen zwölf Monaten verbuchte der Schweizer Luftfahrt-Konzern einen Rekordverlust von 2,88 Milliarden sfr (1,89 Milliarden Euro) und verlor damit zwei Drittel ihrer Eigenmittel. Ohne ein sofortiges Herumreißen des Steuers stünde die Gruppe vor dem "Aus".

ef ZÜRICH. Der neue Vorstandschef Mario Corti kündigte einen scharfen Kurswechsel und tiefe Schnitte an. Ursache der Probleme der SAir-Group sind vor allem die Auslandsbeteiligungen, die unter der Führung des im Januar entlassenen Konzernchefs Philippe Bruggisser zusammengekauft worden waren. Mit diesen Beteiligungen wollte Brugisser unter den Großen des europäischen Luftverkehrs mithalten. Diese teure und in weiten Teilen unprofitable Expansion will Mario Corti zumindest teilweise wieder rückgängig machen. Das kündigte der ehemalige Nestlé-Finanzchef am Montag in Zürich an.

Eine Personalie ist die wohl einzige gute Meldung, die die SAir-Group in diesem Jahr zu Stande gebracht hat. Mario Corti, bisheriger Finanzchef des Nahrungsmittelmultis Nestlé AG, übernimmt das Ruder der angeschlagenen Gruppe, die künftig wieder Swissair heißen wird. Cortis Vorschusslorbeeren sind gewaltig, wenn einer die Wende schaffen könne, dann Corti, so das häufig zu hörende Fazit der längsten und am besten besuchten Pressekonferenz in der Geschichte der Swissair.

Corti versuchte nach Kräften, die neue Stoßrichtung des Konzerns zu skizzieren. Doch waren die zwei Wochen seit seinem Amtsantritt zu kurz, um die drängenden Zukunftsfragen im Detail zu beantworten. Die wichtigste Information war gestern, dass sich Corti für fünf Jahre verpflichtet hat. Er wolle seine ganze Kraft in die Sicherung der Zukunft stecken, unterstrich er mit Nachdruck. Dies ist bei dem Bündel an Problemen auch unbedingt notwendig. Corti zeigte sich optimistisch: Er sei überzeugt, ,,dass wir das Schiff wieder flott kriegen".

Ohne Umschweife räumte Corti ein, dass die SAirGroup ihre Möglichkeiten in Bezug auf Finanzen und Management, insbesondere was die Beteiligungen betreffe, überstrapaziert habe. So hält die Gruppe unter anderem Beteiligungen an der deutschen LTU, an drei französischen Regionalgesellschaften und der belgischen Sabena, die dem ursprünglich kerngesunden Unternehmen die Probleme erst eingebrockt haben. Dies hatte vor wenigen Wochen zum Rücktritt fast der gesamten bisherigen Führungsmannschaft geführt.

Zu den Problemen zählte Corti auch die komplizierte Konzernstruktur. Ziel des neuen Manns an der Spitze von Verwaltungsrat und Konzernspitze ist ein profitabler Konzern, der das Fluggeschäft und verwandte Aktivitäten betreibt. Dabei müssen alle Konzernteile mindestens ihre Kapitalkosten verdienen. Dies gelte auch für die noch defizitären Fluggesellschaften. Den flugverwandten Sparten ist aufgegeben, mehr als die Kapitalkosten zu erarbeiten, damit der Gesamtkonzern eine Rendite erwirtschaftet, die die SAirGroup wieder zur Kapitalmarktfähigkeit zurück führt.

Bei der starken Volatilität des Geschäfts und den in Europa weiter vorhandenen Überkapazitäten im Fluggeschäft müsse die SAirGroup zudem eine starke Eigenkapitalbasis besitzen, um Schocks abfangen zu können. Mindestens strebt Corti eine Eigenkapitalquote im Durchschnitt der Branche an. Die Lufthansa kommt gegenwärtig auf rund 30%.

Durch Maßnahmen auf der Aktiv- und Passivseite der Bilanz will der Konzern nun seine Eigenkapitalprobleme lindern. Zum Verkauf stehen ein Paket von nicht betriebsnotwendigen Immobilien im Volumen von rund 700 Millionen sfr und die Swissotels. Hier finden konkrete Verkaufsgespräche statt.

Zu den Kerngeschäften zählen die fünf flugverwandten Geschäftsbereiche Gate Gourmet, am Weltmarkt nach der Lufthansa-Tochter LSG die Nr. 2, die Nuance Group, bei den Flughafen-Läden für zollfreie Ware Nr. 1, die SRTechnics, Nr. 3 am Weltmarkt, Swisscargo, Nr. 5 in der Luftfracht und Swissport, Nr. 1 bei den Bodendiensten. Kleinere Einheiten können integriert oder verkauft werden. Energisch will Corti bei den Fluggesellschaften durchgreifen - vor allem den Beteiligungen. Der deutsche Ferienflieger LTU (Anteil SAIR: 49,9%) erhält nach dem Einstieg der Rewe-Gruppe eine Schonfrist bis 2003. Dann müsse bei den Düsseldorfern die Null-Linie erreicht sein. Bei Sabena (Anteil: 49,5%) soll bis Sommer eine Entscheidung fallen. Die belgische Airline hat praktisch keine Eigenmittel, dafür Schulden sowie außerbilanzielle Verpflichtungen von 4,3 Milliarden sfr. Mit der belgischen Regierung wird verhandelt.

Um den weiteren Abfluss von Mitteln zu stoppen - allein bei den französischen Gesellschaften monatlich 80 Millionen sfr - kündigte Corti an, dass Air Littoral ab sofort keine Liquidität mehr erhält. Die Gesellschaft verfügt noch über Mittel für zwei Monate. Bei Air Liberté und AOM fällt eine endgültige Entscheidung am 25. April.

Zum laufenden Jahr äußerte sich Corti ausweichend. In den ersten zwei Monaten habe der Konzern im Budget gelegen. Weitere Restrukturierungen seien zwar nicht erkennbar, aber im Beteiligungsbereich könne es noch zu Maßnahmen kommen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%