Neuer LDP-Chef will Finanzmarktreformen beschleunigen
Analyse: Japan mit "Exzentriker" Koizumi vor einem Neuanfang?

Japan hat mit der Wahl des Reformpolitikers Junichiro Koizumi zum neuen Vorsitzenden der Regierungspartei LDP und damit de facto zum Ministerpräsidenten eine kleine Revolution erlebt. Nach jahrelanger politischer und wirtschaftlicher Stagnation gelangt überraschend ein Mann an die Spitze der zweitgrößten Wirtschaftsmacht, der mit der traditionellen Machtpolitik der LDP brechen und sein Land politisch und wirtschaftlich erneuern will. Abzuwarten bleibt allerdings, ob er dies gegen die konservative Parteigarde auch durchzusetzen vermag.

dpa TOKIO. Um die notwendige Umstrukturierung der Wirtschaft voranzutreiben, müsse sich die Nation darauf einstellen, für ein oder zwei Jahre auf wirtschaftliches Wachstum zu verzichten, hatte der 59-jährige frühere Gesundheitsminister erklärt und sich damit bereit gezeigt, vorerst mehr Pleiten und steigende Arbeitslosigkeit hinzunehmen. Ohne Schmerzen gehe es nicht mehr, meinte Koizumi im Wahlkampf mit der ihm eigenen energisch-selbstsicher, fast schon aggressiven Stimme.

So will er die ausufernde Staatsverschuldung stoppen und die notwendigen Finanzmarktreformen beschleunigen. Zwar warnen Analysten vor zu hohen Erwartungen und vermissen konkrete Vorstellungen, wie die Reformen genau aussehen sollen. Doch mit seinem Wahlkampfslogan "Ändern wir die LDP und Japan" hatte Koizumi immerhin das Vertrauen vieler politikverdrossener Japaner zurückgewonnen. Der Mann mit der flotten grauen Dauerwelle, der wegen seines modischen Auftretens und seiner markigen Reformforderungen bei Parteiveteranen auch als "Ekzentriker" und "komischer Vogel" gilt, wurde plötzlich zu einem der beliebtesten Politiker seines Landes.

Als er dann auch die Parteibasis, die den Unmut der Wähler über die LDP am ehesten zu spüren bekam, überraschend klar für sich gewann, konnte sich die alte LDP-Garde nicht mehr gegen ihn stellen. Dabei ist der geschiedene Vater zweier Söhne selbst ein alter Parteiveteran und war lange Zeit Verbündeter seines unbeliebten Vorgängers Yoshiro Mori. Der Sohn einer Politikerfamilie aus der Tokioter Nachbarprovinz Kanagawa und Absolvent der Wirtschaftsfakultät der Elite-Universität Keio sitzt seit 1972 im Parlament. Er studierte an der Universität London, kehrte 1969 aber nach dem Tod seiner Vaters, einst Chef des Verteidigungsamts, nach Japan zurück und wurde Sekretär des früheren Ministerpräsidenten Takeo Fukuda. Später wurde er wie schon sein Großvater Telekommunikationsminister sowie Gesundheitsminister.

Als Regierungschef will er nun mit der Tradition seiner Partei brechen und Ministerposten nicht mehr wie bisher üblich nach Stärke der Parteiflügel, Parteikarriere und Alter besetzen, sondern mit Jungpolitikern, Frauen und qualifizierten Leuten aus der Privatwirtschaft. Wie lange ihn jedoch die Partei mit seiner neuen Mannschaft am Steuer des schlingernden Staatsschiffs Japan belässt, wird mit davon abhängen, ob es ihm gelingt, die erwartete Niederlage seiner Regierung im Juli bei den Oberhauswahlen abzuwenden. Koizumi hat dafür noch genau drei Monate Zeit. Die Chancen stehen gut.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%