Neuer Markt feiert 4. Geburtstag
Der kurze Weg zur Geldschluckmaschine

Am 10. März 2000 galt der Neue Markt als Lizenz zum Gelddrucken. Ein Jahr später ist er als Kapitalvernichter verschrieen. Der Nemax-Index dümpelt heute bei knapp über 2 100 Punkten.

HB FRANKFURT/M. Mit dem Kurssturz hat sich die Atmosphäre geändert. Tagesthema war vor einem Jahr die Zuteilungspolitik bei Neuemissionen. Banken und die Deutsche Börse AG gerieten unter Beschuss, weil Privatanleger nicht ausreichend mit Papieren von Börsendebütanten versorgt wurden. Kein Wunder,winkten doch zur Erstnotiz bereits Aufschläge von mehreren hundert Prozent. Was die Unternehmen anzubieten hatte, war zweitrangig. Was zählte, war Phantasie. Je höher die prognostizierten Wachstumsraten für die kommenden Jahre desto besser. Wenn der Preis dafür riesige Verluste und ein grandioser Verbrauch an Geld war, niemand hat es wirklich interessiert. Solidität galt als altmodisch, grenzenlose Risikobereitschaft als chic und sexy.

Ein Jahr später sind die einstigen Helden längst abgestürzt, Banken und Börse bekommen Schelte dafür, dass sie die Anleger nicht genug vor sich selbst geschützt haben. Verluste von fast des gesamten eingesetzten Kapitals haben Anleger in einen Schockzustand versetzt. Die Übertreibungen von einst rächen sich gnadenlos. Doch nicht nur die Euphorie der Anleger ist schuld an der aktuellen Misere. Viele Unternehmen haben ihre Prognosen um Längen verfehlt, in einigen Fällen spielt eine gehörige Portion Kaltschnäuzigkeit und sogar kriminelle Energie eine Rolle. Die Staatsanwaltschaft hat das neue Betätigungsfeld Neuer Markt bereits besetzt.

Dort, wo Emissionsbanken vom allgemeinen Fieber angesteckt, ihre Sorgfalt dem schnellen Geschäft untergeordnet haben, geloben sie nun unisono Besserung. Und auch die Deutsche Börse versucht, durch schärfere Regeln das arg ramponierte Image des Neuen Markt wieder aufzupolieren. Große Chancen in einem Risikosegment

Dabei sieht die Gesamtbilanz des Neuen Marktes trotz der gravierenden Korrektur für ein Risikosegment nicht einmal so schlecht aus. Denn den Verlusten stehen hohe Gewinnaussichten gegenüber. Selbst jetzt notieren die Papiere von fast 50 Gesellschaften mehr als 100% über ihrem Ausgabekurs, rund jede vierte Aktie übertrifft den Ausgabepreis immerhin noch um mindestens 30%. Für einen Anlagezeitraum von vier Jahren eine vergleichbar ordentliche Rendite. Dem gegenüber steht allerdings eine lange Reihe von Verlustbringern: Von den 117 Neuemissionen der vergangenen zwölf Monate notieren rund 90 unter ihrem Ausgabepreis, bei fast jeder zweiten haben die Investoren mehr als die Hälfte des eingesetzten Kapitals eingebüßt.

Das Ausmaß der Kapitalvernichtung wird durch eine andere Zahl noch deutlicher. An seinem 3. Geburtstag summierte sich die Kapitalisierung der am Neuen Markt notierten Unternehmen auf 234 Milliarden Euro. Heute ist die Zahl der notierten Unternehmen mit 337 fast um die Hälfte höher, die Börsenkapitalisierung liegt aber nur noch bei rund 94 Milliarden Euro. Im Durchschnitt sank also sie um rund 74%.

Ein Performancevergleich über die gesamte Lebensdauer des Neuen Marktes zeigt jedoch auch die Chancen. Er hinkt zwar, da die unterschiedlichen Laufzeiten nicht berücksichtigt werden, birgt aber einige Überraschungen:So liegt hinter Aixtron, deren Aktien seit der Emission im November 1997 um mehr als 4200% zugelegt haben, bereits auf Platz zwei die zurzeit geschmähte EM.TV mit einem Plus von immerhin noch rund 3700%. An EM.TV lässt sich die gesamte Tragik des Marktes aufzeigen. Erfolg und Misserfolg einer Aktie wird nicht im Vergleich zum Ausgabekurs gemessen, sondern im Vergleich zu den Höchstkursen.

EM.TV:Eine Tragödie in vielen Akten

Höchstkurs von EM.TVwar vor einem Jahr 104 Euro. Wer also bei der Emission Ende 1997 mit knapp 900Mark eingestiegen war, hatte am 10. März 2000 einen EM.TV-Depotwert von 1 Millionen DM; davon sind gerade einmal noch knapp 70000Mark geblieben. Da es nur wenige Anleger gibt, die von Anfang an dabei sind, überwiegt heute die Zahl derer, die ihre Einstiegspreise so schnell nicht wiedersehen dürften.

EM.TVist damit zwar ein Extremfall, jedoch auch in vielen anderen Aspekten symptomatisch für den Neuen Markt: Der Expansions- und Akquisitionsdrang der Brüder Haffa schien grenzenlos. Und alles, was sie anfassten, schien zu gelingen. Geblendet von immer neuen Jubelmeldungen lag ihm die Finanzwelt zu Füßen. Wer Milliarden bewegt, darf auch bei Banken auf offene Türen hoffen. Doch dann brach das Kartenhaus zusammen. Florian Haffa, der von seinem Bruder Thomas zum Finanzchef ernannt worden war, hatte sein Ressort nicht im Griff. Die Folge war ein Finanzchaos, Gewinnwarnungen und schließlich der Einstieg von Leo Kirch. Florian musste gehen, sein Bruder wird ihm in nicht allzu ferner Zukunft folgen. Das Sagen wird bei EM.TV schließlich der alte Löwe Leo Kirch haben.

Aufstieg, Euphorie, Chaos, Finanznot, Trennung von Vorständen und schließlich die Übernahme des Restunternehmens durch gestandene Unternehmer oder Konzerne ist ein Muster, das sich am Neuen Markt bis zu seinem fünften Geburtstag sicher noch einige Male wiederholen wird.

Skandale wie bei EM.TV, Gigabell oder Infomatec und Pleiten wie bei Teamwork oder Micrologica werden den Neuen Markt auch in seinem neuen Jahr begleiten. Doch die Vorsicht bei Unternehmen, Banken und Anlegern sollte Garant für mehr Qualität und damit mehr Grund zum Feiern sein.

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