Neuer Markt in der Krise
An der Zockerbörse wird abgestraft

"An der Zockerbörse wird jetzt brutal abgestraft." Für den Vermögensberater der SEB-Bank ist das Urteil über den Neuen Markt eindeutig: "Wir raten jedem Kunden: 'Finger weg"." Aber auch bei den professionellen Investoren bei Banken, Versicherungen und Fonds-Gesellschaften ist der einstige Hoffnungsträger der "Neuen Ökonomie" in Verruf gekommen. Von den knapp 350 Unternehmen dieses Börsensegments seien für Profis allenfalls noch 20 bis 30 interessant, sagte der Commerzbank - Chefanalyst Thomas Effler.

dpa FRANKFURT/MAIN. Der Neue Markt steht nach stürmischem Anlauf mittlerweile als Symbol für eine gewaltige Kapitalvernichtungsmaschine. Von mehr als 8 500 Zählern ist der Index für alle Werte (Nemax-All-Share) mittlerweile auf unter 1 500 Punkte durchgerauscht. Am Dienstag war der bislang niedrigste Stand mit 1 404 erreicht. Doch dies muss noch längst nicht das Ende sein.

Bei weiteren Enttäuschungen hält Effler in den nächsten sechs Monaten sogar einen Einbruch auf 1 200 Punkte für möglich. Selbst Großbanken hatten dagegen im vergangenen Jahr noch von 10 000 Zählern zum Jahresende 2001 geträumt. Neue Enttäuschungen gibt es allerdings Schlag auf Schlag: So steht nun auch der der Lizenzrechte-Händler Sunburst aus Osnabrück vor dem Aus. Voraussichtlich am Montag wird das Insolvenzverfahren beantragt.

Auch die Hamburger Kabel New Media AG musste am Freitag das Handtuch werfen und einen sofortigen Zahlungsstopp verfügen. Mit 6 Euro gestartet, auf 80 Euro im März 2000 den Gipfel erklommen, endete das Abenteuer Neuer Markt am Freitag mit einem Kurs von 50 Cent.

Neben dem finanziellen Desaster für die Anleger drücken auch zunehmend Kursmanipulationen, katastrophale Managementfehler, falsche Veröffentlichungen bis hin zu kriminellen Machenschaften das Image des einst hoch gefeierten Börsensegments. Vorgetäuschte Riesenaufträge stellten sich später als Fata Morgana von Vorständen heraus.

Analysten rechnen mit weiteren Insolvenzen

Auch bei Sunburst stehen frühere Vorstände im Verdacht der Untreue. "Der Fall Refugium riecht stark nach Wirtschaftskrimi", titelte die "Börsen-Zeitung" am Donnerstag. Ermittlungen der Staatsanwälte wegen Erpressung, eine Verfahren gegen frühere Manager wegen Bilanzfälschung garnieren die Hintergründe der Pleite des Betreibers von Altersheimen.

Commerzbank-Analyst Effler geht davon aus, dass in den nächsten zwölf Monaten weitere 10 % der börsennotierten Gesellschaften wegen Zahlungsunfähigkeit vom Kurszettel des Neuen Marktes gestrichen werden. Vor diesem Hintergrund ist die Freude am Bankenplatz Frankfurt groß, dass die Fusionspläne der Deutschen Börse AG geplatzt sind. Die vom Vorstandschef Werner Seifert bereits unterzeichneten Verträge mit der Londoner LSE sahen vor, dass die schwergewichtigen Standardwerte wie Allianz, BASF oder VW nur noch an der Themse gehandelt werden sollten. Für Frankfurt war der dynamische Markt für "Wachstumstitel" vorgesehen. Dies hätte den gesamten Finanzplatz am Main in schwere Mitleidenschaft gezogen - weiß man heute.

Sorgen um das Image

Auch das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWE) sorgt sich zunehmend um das Image des Finanzplatzes Deutschland, weil das Börsensegment Neuer Markt besonders anfällig für dubiose Geschäfte ist. Kursmanipulationen, falsche oder irreführende Pflichtveröffentlichungen der Unternehmen sowie Insiderhandel häufen sich nach Darstellung von BAWE-Präsident Georg Wittich insbesondere im Umfeld der jungen Unternehmen.

Dennoch warnt Horst Zirener vom Vorstand der DEKA-Bank, dieses Marktsegment in Bausch und Bogen zu verdammen. Es müsse einen Markt für junge Unternehmen zur Beschaffung von Kapital geben. Immerhin seien damit in Deutschland etwa 300 000 neue Arbeitsplätze finanziert worden. Die Banken hätten allerdings in der allgemeinen Euphorie den Fehler begangen, "zu überhöhten Preisen unreife Unternehmen an die Börse zu bringen". Nach der Hochstimmung zählten jetzt nur noch Zahlen und Fakten. "Selbst wenn nur 180 Firmen übrig bleiben, wäre das aber schon ein Erfolg."

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