Neuer Markt
Kommentar: Scheintot

Tot ist der Neue Markt in den Augen vieler Investoren schon lange. Jetzt steht auch sein Beerdigungstermin fest.

Ende 2003 wird das einst gefeierte Gütesiegel der Deutschen Börse von der Bildfläche verschwinden - nach einem kurzen, aber überaus aufregenden Dasein. Er ist das prominenteste Opfer der neuen Segmentierung der deutschen Börsenlandschaft in "Prime Standard" und "Domestic Standard". Nachweinen werden ihm nur wenige. Zu viel Geld wurde vernichtet, zu viele Skandale haben das Vertrauen erschüttert. Das Etikett ist irreparabel beschädigt, es muss verschwinden.

Kritiker werden sagen: zu spät. Doch der Träger der Börse konnte nicht viel früher handeln, wollte er Hängepartien und juristische Verwicklungen vermeiden. Er war angewiesen auf die Regelungen des 4. Finanzmarktförderungsgesetzes, die erst seit drei Monaten in Kraft sind. Erst die Gesetzesnovelle versetzt die Börse in die Lage, auch die Durchsetzbarkeit neuer Regeln zu garantieren. Peinliche Pannen wie die beim gescheiterten Versuch, aus dem privatrechtlich organisierten Neuen Markt bedeutungslos gewordene Unternehmen zu verbannen, durften nicht noch einmal passieren. Sie hätten der Sache geschadet.

Doch was ist das Ziel der Reform? Mit verschärften Regeln will die Börse im Premium-Segment Unternehmen disziplinieren und dadurch das geschwundene Vertrauen in die Anlageform Aktie zurückgewinnen. Dabei lässt sie den Neuen Markt in neuem, größeren Gewand quasi wieder auferstehen. Denn all das, was nun als Standards festgeschrieben wird, steht bereits im Regelwerk des Neuen Marktes: Quartalsberichte, internationale Rechnungslegung, Durchführung von Analystenkonferenzen sowie Ad-hoc-Berichterstattung waren dort gelebter Alltag. Diese "Qualitätskriterien" werden nun auf eine Vielzahl von Firmen ausgeweitet.

Am Neuen Markt hat dies weder Skandale noch Kurseinbrüche verhindert. Doch der Ansatz ist und bleibt richtig. Schließlich käme auch niemand auf die Idee, mit Hinweis auf die hohe Zahl von Gewaltverbrechen die Strafgesetze abzuschaffen. Für die Masse der Unternehmen, die sich an die Regeln halten, bringt eine Verschärfung eine höhere Reputation - im Bereich der Börse vor allem auf dem internationalen Parkett. Im Vergleich dazu ist der Verlust des Markenzeichens Neuer Markt für die Deutsche Börse mehr als verkraftbar. Denn eine Marke mit einem Negativimage bringt nur Nachteile. Auch die Stellung der Frankfurter im internationalen Wettbewerb nimmt dadurch wohl kaum Schaden. Denn der Niedergang der Technologieeuphorie ist kein deutsches Phänomen. Ein Allheilmittel gegen den tief greifenden Vertrauensverlust der Anleger hat ebenfalls noch kein Konkurrent gefunden.

Was die Aktienlandschaft braucht, ist auch kein Akutmittel, sondern eine Langzeittherapie. Nach Euphorie und Absturz muss sich eine realistische Sicht auf die Aktie durchsetzen. Sie ist eine langfristige und mit Risiken behaftete, aber durchaus lukrative Anlageform. Ob es gelingt, die Investoren davon zu überzeugen, ist eine Schicksalsfrage für die Unternehmen hier zu Lande. Sie brauchen gerade im Lichte verschärfter Kreditrichtlinien den Zugang zum Kapitalmarkt. Zurzeit ist dieser Weg versperrt. Die Neuregelung ist ein Versuch, die Türen leichtgängiger zu machen. Der Schlüssel liegt aber bei den Anlegern.

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