Neuer Markt
Reiche Verlierer

Tristesse am Neuen Markt: Tausende Anleger haben hohe Summen verloren. Vielen Vorständen aber geht es trotz mieser Bilanzen prächtig. Sie verkauften rechtzeitig eigene Aktien.

Der 5. Februar muss für Hero Alting ein guter Tag gewesen sein. Den vierzigsten Geburtstag im Blick, sah er die Zeit gekommen, sein Werk, die Sunburst Merchandising AG , in jüngere Hände zu legen. Vom Lichtdesigner für Rockkonzerte und Hersteller bedruckter Fan-T-Shirts hatte er es zum Vorstandsvorsitzenden gebracht.

Die Aktie notierte in jenen Tagen in der Gegend von 16 Euro. Nicht übermäßig hoch, aber immerhin höher als vor der Ankündigung des Vorstands, die Prognosen für 2001 anzuheben. So bekam Alting einen anständigen Preis für das Aktienpaket, das er seinem Nachfolger Benjamin Gawlik verkaufte.

Der 17. März muss für Gawlik der schlimmste Tag seines Lebens gewesen sein. Da will er nach eigener Aussage erfahren haben, dass nicht nur die Prognose für 2001, sondern auch der bis dahin angekündigte Gewinn für das Vorjahr Makulatur war - die ganze Bilanz eine Luftnummer, der Gewinn in Wahrheit ein Verlust. Der Kurs stürzte unter drei Euro. Gawlik und mit ihm Tausende Kleinanleger verloren innerhalb von Stunden Millionen.

Reichtum auf Kosten der Kleinanleger

Die Hero Altings sind überall. Etliche Vorstände haben ihre Aktien rechtzeitig verkauft, bevor es mit den Kursen nach unten ging. Längst sind sie schwer reich - unabhängig von ihrer eigenen Leistung, unabhängig davon, ob ihre Firmen florieren oder vor der Pleite stehen. Doch dem Aufstieg der Gründer und Großinvestoren steht der finanzielle Abstieg unzähliger Kleinanleger gegenüber.

Die Bilanz des Neuen Markts fällt vier Jahre nach dem Start der Börse für Wachstumswerte ernüchternd aus: Der Crash hat so viel Kapital vernichtet wie kein anderes Börsenereignis in Deutschland. Vor einem Jahr noch steckten fast 250 Milliarden Euro Kapital in diesem Segment. Heute sind es weniger als 100 Milliarden. Der Nemax-All-Share-Index fiel seit seinem Höchststand am 10. März 2000 von 8 559 Punkten auf ein Tief von 1 596 Punkten.

Auf etliche Vorstände und Aufsichtsräte der Unternehmen am Neuen Markt fällt derzeit ein schlechtes Licht. Seit Anfang März müssen sie offen legen, wie viele ihrer Aktien sie wann verkauft haben. So lässt sich verfolgen, wie sie durch den Verkauf größerer Aktienpakete den Niedergang der Kurse teilweise erheblich beschleunigten.

Beispiel Intertainment AG: Als absehbar war, dass die Münchener Medienfirma aus dem Nemax 50 fliegen würde, begann Vorstand Rüdiger Bäres, 41, damit, Aktien zu verkaufen - "aus rein privaten Gründen", wie Investor-Relations-Leiterin Marietta Birner erklärt. Am 1. März veräußerte der Intertainment-Gründer zunächst 27 504 Aktien, der Aktienkurs rutschte von 10,30 Euro auf 9,50 Euro. Einen Tag später warf Bäres weitere 33 030 Aktien auf den Markt, am Tag darauf nochmals 11 026. Der Kurs gab auf 8,70 Euro weiter nach. Keinen Handelstag ließ Bäres in den folgenden zwei Wochen aus. Am 14. März erreichte die Verkaufswelle ihren Höhepunkt: Der Firmenchef verschleuderte weitere 74 704 Stücke, der Kurs fiel auf 5,10 Euro. Bis zum 16. März trennte sich Bäres von 357 186 Aktien. Am Schlusstag des Ausverkaufs hatte der Kurs im Vergleich zum Stand Anfang März um mehr als die Hälfte nachgegeben. Medienunternehmer Bäres, der sich auf Premierenpartys gerne mal mit Hollywood-Größen wie Bruce Willis und Glamourgirls wie Verona Feldbusch zeigt, kassierte 2,4 Millionen Euro. Seine Aktionäre aber verloren ein Vielfaches.

Das Kassemachen von Vorständen und Aufsichtsräten gehört inzwischen genauso selbstverständlich zum Neuen Markt wie zweistellige Kursstürze: Tag für Tag vergolden Gründer und Unternehmensbosse ihre Anteile - und katapultieren nicht selten damit den Kurs ihrer Unternehmen in die Tiefe.

Beispiel CAA AG : Gabriele Müller und Hans-Peter Schmidt, Gründer und Vorstände des Filderstädter Softwareunternehmens, verkauften am 12. März insgesamt 15 000 Aktien zu einem Kurs von 28 Euro. Innerhalb von nicht einmal einer Woche stürzte daraufhin der Kurs auf weniger als 20 Euro ab.

Beispiel IM Internationalmedia AG: Aufsichtsrat Mathias Deyle veräußerte am 8. März 11 000 Aktien des Münchener Medienunternehmens zu knapp 27 Euro. In den Tagen darauf gab der Kurs um fast 30 Prozent nach und fiel zeitweise unter 20 Euro.

Hausgemachte Kurseinbrüche

In diesen schlechten Börsenzeiten führen oft auch kleinere Verkaufsorders von Vorständen zu Kurseinbrüchen. "Die Umsätze mit den betreffenden Werten sind meistens sehr gering, so dass schon Verkäufe kleinerer Aktienpakete den Kurs drücken können", erläutert Gerold Deppisch, Analyst bei der Stuttgarter GZ-Bank. "Außerdem werten es viele Aktionäre als schlechtes Zeichen, wenn sich Top-Manager, aus welchen Gründen auch immer, von einem Teil ihrer Bestände verabschieden", ergänzt er.

Bis zur Einführung der neuen Regeln am Neuen Markt gelangten derartige Vorgänge nur selten an die Öffentlichkeit. Auch im Fall des EM.TV -Chefs Thomas Haffa rätselt die Branche, warum er sich outete. Haffa hatte EM.TV-Aktien im Wert von rund 40 Millionen Mark verkauft - obwohl er sich nach einer Kapitalerhöhung gegenüber dem Konsortialführer WestLB verpflichtet hatte, keine Anteile abzustoßen.

In den nächsten Wochen drohen weitere Negativnachrichten: Zum Ende des ersten Quartals müssen die Unternehmen am Neuen Markt wieder die Aktienbestände ihrer Vorstände und Aufsichtsräte offen legen. "Da sind einige Überraschungen zu erwarten - gerade bei den Firmen, die schon ins Gerede gekommen sind", warnt Markus Straub von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). Anlegerschützer fordern eine weitere Verschärfung der Regeln: Verkäufe der Vorstände sollten nicht mehr im Nachhinein bekannt gegeben werden, sondern schon drei Tage vorher. Dann könnten Anleger rechtzeitig reagieren und selbst verkaufen.

Doch auch die strengsten Börsenregeln können nicht verhindern, dass die Vorstände ihre Unternehmen durch Missmanagement nach unten wirtschaften. Die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz erwartet, dass am Neuen Markt künftig alles noch viel schlimmer kommt. "Die meisten der rund 340 Unternehmen", urteilt DSW-Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker, "sind von Missmanagement und Unfähigkeit geprägt - in einigen Fällen womöglich sogar gepaart mit kriminellen Machenschaften."

Das Missmanagement lässt sich auch mit Zahlen belegen: Allein im vergangenen Jahr verließen mehr als 170 Vorstände ihre Firmen - in 128 Fällen kurz vor oder nach einer Ergebniswarnung der betreffenden Unternehmen. So war es beispielsweise auch beim Wiener IT-Dienstleister Blue C, wo Finanzvorstand Folker Pieterse Mitte Januar seinen Job aufgab. Nur vier Wochen später korrigierte die Firma ihre Ergebnisprognose nach unten.

Ruf vieler Fondsmanager beschädigt

Auch an den Profis geht die Krise nicht spurlos vorüber. Die Baisse der Wachstumswerte hat den Ruf vieler Fondsmanager angekratzt. Etwa den Wassili Papas?, der den Uni Neue Märkte für die Fondsgesellschaft Union Investment managt. Der Fonds verlor binnen eines Jahres mehr als 70 Prozent an Wert. Den Verlust aber tragen nur die Kunden. Anleger-Schützer Hocker drückt es so aus: "Die professionellen Anleger schreiben die Kursrückgänge als Buchverluste ab, so mancher Kleinanleger dagegen sein mühsam erspartes Eigenheim."

Allzu bereitwillig haben viele private Anleger in Firmen investiert, über die sie nicht viel mehr wussten, als dass sie an die Börse gingen. Die Gier und die von Anlegerpostillen noch angeheizte Hoffnung auf schnelle Gewinne von 100 Prozent und mehr haben bei vielen die Sicherungen durchbrennen lassen.

Es galt nur noch: kaufen, kaufen, kaufen. Inzwischen sind etliche der Firmen konkursreif, deren Aktienkurse so blindlings nach oben getrieben wurden. So wie Telekomdienstleister Gigabell, der im September 2000 als erstes Unternehmen am Neuen Markt Pleite ging. Oder die Softwarefirma Teamwork, die auch Vorstandschef Heinz Ikenmeyer, einst Ostwestfalens Unternehmer des Jahres, nicht retten konnte. Auch die Bargteheider Micrologica AG stellte Insolvenzantrag. 134 Euro wurden am 2. März 1999 für die Anteile des Softwareherstellers gezahlt. Heute sind sie gerade noch 64 Cents wert. Dass der frühere Vorstandschef Kurt Kuhn rechtzeitig Aktien verkauft und seinen Schnitt gemacht hat, mag eine Firmensprecherin nicht bestätigen. Aber sie kündigt Neuigkeiten an: "Im Geschäftsbericht werden Sie zu dem Thema bald etwas finden."

Auch Stephan Schambach gehört zu denen, die am Neuen Markt reich geworden sind. Seine Intershop Communications AG und ihre E-Commerce-Software gehörten lange zu den Lieblingen der Anleger - bis zum 2. Januar 2001. An diesem Tag gestand die ostdeutsche Vorzeigefirma, sie habe ihre Ziele deutlich verfehlt. Der Kurs brach um 70 Prozent ein. Vorstandschef Schambach aber hat die Zukunft seiner Familie gesichert. "Unser Vermögen ist groß genug, um als Privatinvestor in Amerika zu bleiben", vertraute er Anfang des Jahres dem Magazin Capital an. Inzwischen möchte er davon nichts mehr wissen: "Heute würde ich das nicht mehr unterschreiben. Auch ich habe am 2. Januar einen Großteil meines Vermögens verloren", sagte er dem Handelsblatt dieser Tage - kurz vor einer neuen Abwärtskorrektur der Umsatzziele.

Sicher ist: Schambach, 30, hat rechtzeitig etwa fünf Prozent seiner Anteile verkauft. 450 000 Aktien im zweiten Halbjahr 1999 und 280 000 Aktien im ersten Quartal 2000. Etwa 30 Millionen Euro hat er dafür kassiert. Auch seine Co-Gründer versilberten einen Teil ihrer Aktien. Alles legal und auch lange bevor sie das Unternehmen in die Krise führten. Kürzlich hat Schambach die Führung des operativen Geschäfts abgegeben. Jetzt klappert er mögliche Kunden und Partner ab. Und Journalisten bittet er schon mal um Nachsicht: "Bitte schreiben Sie uns nicht allzu schlecht."

Peter Brors
Peter Brors
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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