Neuer Markt vor Übernahmewelle
Der Kampf ums Überleben

Die Unternehmen am Neuen Markt haben in zwei Jahren über 250 mehr oder weniger kleine Fische ganz oder teilweise geschluckt. Doch mit den fallenden Kursen sind aus vielen Raubfischen mögliche Opfer geworden.

DÜSSELDORF. "Einige Unternehmen stehen mit dem Rücken zur Wand", sagt Adig-Fondsmanager Ralf Walter. Und Thomas Teetz vom Bankhaus HSBC Trinkaus & Burkhardt urteilt: "Viele Geschäftsmodelle sind nicht tragfähig." Konsolidierungsbedarf sieht er in vielen Segmenten: Internet, Medien, Technologie, IT-Service und bei den Finanzdienstleistern. Wegen der unklaren Wirtschaftslage dürfte sich die Liquiditätslage für Übernahmekandidaten kaum verbessern.

Profitieren können Anleger nach Meinung von Experten von einer Übernahmewelle kaum. "Das große Geld wird nur bei feindlichen Übernahmen verdient", sagt Peter Barkow von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Eine feindliche Übernahme liegt dann vor, wenn die aufkaufende Gesellschaft gegen den Willen des Managements für das Unternehmen bietet. Ein Paradebeispiel dafür war der Kauf von Mannesmann durch Vodafone, bei dem sich nach dem Angebot der Kurs des Düsseldorfer Unternehmens mehr als verdoppelte. Bei den Gesellschaften am Neuen Markt wird es aber nach Barkows Meinung in den meisten Fällen zu freundlichen Übernahmen kommen, da die Altgesellschafter oft die Aktienmehrheit halten. Hier besteht die Gefahr, dass sie Angebote akzeptieren, die unterhalb des Aktienkurses liegen.

Ende des Jahres könnten erste Übernahmen erfolgen

Barkow hat die 14 Internet-Consulting-Gesellschaften am Neuen Markt unter die Lupe genommen. Sein Fazit: Sinnerschrader, I-D Media, Digital Advertising, Blue C und Syzgy sind die wahrscheinlichsten Übernahmekandidaten, Pixelpark, Popnet und Kabel New Media haben die größten Chancen auf Selbstständigkeit. Den Beginn von Übernahmen erwartet er gegen Ende des Jahres. Die Spekulation, dass die Deutsche Telekom Pixelpark kaufen werde, hält der Trinkaus & Burkhardt-Analyst für wenig wahrscheinlich. Dafür sei der Preis zu hoch.

Unabhängig von der möglichen Übernahmephantasie empfiehlt Barkow Antwerpes zum Kauf. Begründung: Als einzige Gesellschaft unter den 14 haben die Kölner ihre Umsatzprognose übertroffen.

Auch die GZ-Bank hat jüngst Übernahmekandidaten am Neuen Markt ausgemacht: Bei 32 Unternehmen übersteigen die liquiden Mittel abzüglich Finanzschulden die Börsenbewertung. Bei Internolix, Emprise, Mediascape und Adlink liegt der Unternehmenswert mehr als 20 Millionen Euro über der Börsenkapitalisierung - theoretisch die idealen Übernahmekandidaten. Doch nach Meinung der GZ-Bank wird es nicht zum großen Fressen kommen: Die Gesellschaften sind alles andere als attraktiv. Ihnen fehlen so genannte wertvolle Bestandteile, die einen Kauf sinnvoll machen. Das sind zum Beispiel innovative Technologien, eine attraktive Kundenbasis, ein gutes Vertriebsnetz oder ein Filmarchiv.

Intershop ein Paradebeispiel für werthaltige Bestandteile

Als Beispiel für ein Unternehmen, das über sehr viele werthaltige Bestandteile verfügt, gilt Intershop. Die Jenaer werden häufig als Übernahmekandidat genannt. Die ostdeutsche Softwareschmiede hat mit " Enfinity" nach Meinung von Experten die führende Technologie für Online-Handelsplattformen entwickelt, es aber nicht geschafft, sich auf dem wichtigen US-Markt zu etablieren. Die Liste der möglichen Intershop-Käufer ist lang. Wahlweise werden Hewlett Packard, SAP oder die amerikanischen Newcomer Commerce One, BEA Systems sowie Siebel Systems gehandelt. "In den nächsten sechs bis neun Monaten wird sich die Zukunft von Intershop entscheiden", meint GZ-Analyst Axel Herlinghaus. "Bislang hat sich noch kein Käufer die Mühe gemacht, das Softwareunternehmen genau zu prüfen."

Für Herlinghaus würde eine mögliche Übernahme ein großes Identitätsproblem ergeben. Schließlich sei Intershop das Vorzeigeunternehmen in Ostdeutschland und rekrutiere auch die Mitarbeiter mit diesem Image. Bei einem neuen Eigentümer, der nicht aus dem Osten stammt, würden die besten Mitarbeiter die Firma verlassen.

Viele Unternehmen haben hohe Bargeld-Abflüsse

Bei vielen möglichen Übernahmekandidaten sind Unternehmensschätze jedoch nicht vorhanden. "Meistens ist die niedrige Bewertung am Kapitalmarkt ja gerade eine Folge des Fehlens solcher wertvollen Bestandteile", lautet das Fazit der GZ-Bank. Viele hätten "in der Regel hohe Cash-Abflüsse", und in den meisten Fällen werden sie in absehbarer Zeit nicht in der Lage sein, "einen positiven operativen Cash-Flow" zu erzielen. Anhand der Kennzahl "operativer Cash-Flow" wird ermittelt, wie viel Liquidität das Unternehmen im eigentlichen Geschäft erwirtschaftet.

Die GZ-Bank spricht über die betroffenen Unternehmen - sieben Prozent aller Firmen am Neuen Markt - nur deshalb keine Verkaufsempfehlungen aus, weil sie die Firmen nicht ständig im Fokus ihrer Analysten hat.

Die 32 unterbewerteten Unternehmen im Blick

"Wir raten Investoren trotzdem zur Vorsicht", sagt GZ-Analyst Stefan Schießer. Wer auf eine große Übernahmewelle hofft, kann schnell enttäuscht werden und hat fast wertlose Aktien im Depot liegen. Das Spekulieren sollten unerfahrene Anleger daher eher den Fonds überlassen. Doch auch hierbei ist die Auswahl des lukrativsten Investments nicht ganz einfach.

Jürgen Röder
Jürgen Röder
Handelsblatt / Redakteur Finanzzeitung
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