Neuer Nachrichtensender in Frankreich
Chiracs „Schlacht der Bilder“

Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac erfüllt sich einen Traum: Mit dem internationalen Nachrichtenkanal France 24 startet der Versuch, den etablierten Sendern aus aller Welt Konkurrenz zu machen. Die vergleichweise kleine Station hegt große Ambitionen.

PARIS. Man könnte meinen, die Fußball-WM wäre wieder da - bloß bei schlechterem Wetter und 1 000 Kilometer weiter westlich. Gigantische Bildschirme ragen in den grauen Novemberhimmel über den Pariser Tuilerien, umringt von Flutlichtanlagen in Schwindel erregender Höhe, und darüber wölben sich transparente Zeltdächer, fast so imposant wie die nahegelegene Glaspyramide im Schlosshof des Louvre.

Hier lässt sich kein Ballkünstler feiern, sondern ein Staatspräsident. Jacques Chirac hat es nach großen Mühen endlich geschafft, sein Lieblingsprojekt zu starten. Der internationale Nachrichtenkanal France 24 ging gestern Abend auf Sendung, begleitet von einer großen Fete mit 3 000 geladenen Gästen, übertragen auf überdimensionalen Mattscheiben entlang der Prachtstraße Champs Élysées. Erster Programmpunkt: ein Interview mit dem Staatsoberhaupt.

Damit erfüllt sich Chirac am Ende seiner zweiten Amtszeit einen Herzenswunsch. Er will den internationalen News-Networks von CNN über BBC World bis Al Dschasira Konkurrenz machen. France 24 soll mit seinen 170 Journalisten 24 Stunden täglich einen "französischen Blick" auf das Weltgeschehen werfen, um so die "anglo-amerikanische Vorherrschaft" in der "Schlacht um die Bilder" zu brechen. Auf die Idee kam Chirac schon 1995. Seiner Meinung nach hatten die weltumspannenden Fernsehsender damals die französische Sichtweise auf den ersten Irakkrieg in sträflicher Weise übergangen.

Diese präsidiale Einschätzung wird in der französischen Fachwelt zwar durchaus geteilt. Gleichwohl gibt es große Zweifel, dass sich France 24 beim internationalen Fernsehpublikum flächendeckend etablieren kann. "Der Sender fängt zu klein an", bemängelt Jean Ploquin, -Christophe Chef des Auslandsressorts bei der Tageszeitung "La Croix".

Im Vergleich zu den Großen der Branche sieht France 24 in der Tat wie ein Zwerg aus. Weder bei der Reichweite noch beim Budget kann der französische Newcomer mit den Marktführern des internationalen TV-Nachrichtengeschäfts mithalten. So erreicht France 24 über Kabel, Satellit und Web-TV gerade einmal 75 Millionen Haushalte in Europa, Afrika und im Nahen Osten. Auf dem amerikanischen Kontinent ist das Programm nur in New York und in Washington zu sehen. Das Publikum von BBC World ist mit 270 Millionen Zuschauern fast viermal so groß. Das Jahresbudget von France 24 beträgt gerade einmal 86 Mill. Euro, während seine großen Wettbewerber jeweils über mehr als 200 Mill. Euro verfügen können.

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