Neuer Roman
Philip Roth schreibt über Lewinsky-Affäre

Die Titulierung zweier abwesender Studentinnen als "dunkle Gestalten" bringt den erfolgreichen Literaturprofessor Coleman Silk um Beruf und Ansehen. Seine beiläufig hingeworfene Bemerkung über die ihm unbekannten, aber zufällig schwarzen Frauen lässt das "politisch korrekte" Establishment an Silks Universität zu einer Treibjagd blasen, die es an Erbarmungslosigkeit mit der Kommunistenhatz in den USA der 50er Jahre aufnehmen kann.

dpa MÜNCHEN. Der Altphilologe wirft das Handtuch und verliert auch noch seine Frau, für deren plötzlichen Tod er die selbst ernannten Moralhüter am Athena-College in New England verantwortlich macht. Die erhalten neue Munition, als der 71-Jährige eine heftige sexuelle Beziehung mit einer jungen Uni-Putzfrau aufnimmt.

Philip Roth hat diesen Auftakt seines neuen Romans "Der menschliche Makel" in das Jahr 1998 gelegt. Besessen beschäftigten sich Medien und deren Kundschaft damit, ob, wie oft, wo genau und in welcher Form der damalige Präsident mit einer Praktikantin im Weißen Haus sexuellen Kontakt hatte. Roth hat oft gesagt, wie grenzenlos zornig er darüber war. Den Ich-Erzähler lässt er sagen, er habe in jenem schrecklichen Sommer ("the summer of blowjobs") davon geträumt, ein riesiges Transparent im Christo-Stil von einem Ende des Weißen Hauses zum anderen zu spannen mit der Aufschrift: "Hier lebt ein Mensch".

Der 68-jährige Roth selbst hat seinen Zorn mitsamt dem Hang zur Welt der klassischen Tragödien in einen raffiniert geschnittenen, spannend erzählten und streckenweise ergreifenden Roman gepackt. Nach und nach, fast unmerklich führt er dabei in die Geheimnisse von Coleman Silk ein, der sich in jungen Jahren für eine fundamentale Lebenslüge entschieden hat. Mit dem bis zuletzt bewahrten Geheimnis - es soll auch hier nicht verraten werden -, verrät er seine Eltern, setzt die Identität seiner Frau und der Kinder aufs Spiel und steckt so selbst bis zur Halskrause in der "Täterrolle", die für andere Leid bedeutet.

Das Wechselspiel von Opfer- und Täterrolle bearbeitet Roth in seinem 22. Roman engagiert, mitfühlend und ohne Wertung. Auch "Der menschliche Makel" als Titel verweist auf die Schuldhaftigkeit des Menschen, die mit seinem Menschsein untrennbar verbunden ist. Am Ende ereilt Coleman Silk auf paradoxe Weise genau das, was er sein ganzes Leben lang verzweifelt auszuklammern versucht hat.

Erzähler des Roman ist mal wieder Roths Alter Ego Nathan Zuckerman. Dem sind knapp vor seinem 70. Geburtstag - gegenüber früheren Romanen - ein bisschen der Humor und der Sarkasmus ausgegangen, nicht aber das ausgeprägte Interesse an Sex - Viagra sei Dank, lässt ihn Roth immer wieder erklären. Überhaupt erklärt Zuckerman dem Leser viel mehr als früher, was in dieser sich so atemberaubend entfaltenden Geschichte eigentlich nur stört. Ein bisschen überfrachtet wirkt der Roman auch durch das offensichtliche Bedürfnis des Verfassers, möglichst vollständig gewichtige Themen wie Rassismus, Feminismus Vietnamkrieg, Bildung, Kindesmissbrauch und Political Correctness abzuhandeln.

Wie wenige andere zeitgenössische Autoren hat Roth den Mut, mit seiner Geschichte die großen Sinnfragen der Zeit anzupacken - als kunstvoller Erzähler besitzt er dazu auch die Fähigkeit und als Beobachter der Menschen zudem die notwendigen offenen Augen. Traurig, aber auch versöhnt wird der Leser aus dem Buch entlassen mit einem Bild, das einen Menschen als winzigen schwarzen Punkt auf dem makellosen Weiß eines zugefrorenen Sees zeigt. Vielleicht lesen bis zu der Stelle auch die Stockholmer Nobel-Juroren, auf deren Kandidatenlisten der Mann aus New Jersey schon lange steht. Hollywood wenigstens hat der Roman "Der menschliche Makel" schon so gefallen, dass für eine Verfilmung des Werks Anthony Hopkins als Professor und Nicole Kidman als Putzfrau verpflichtet worden sind.

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