Neuer Spielraum
Deutsche Börse ordnet Indizes neu

Steter Tropfen höhlt bekanntermaßen den Stein - auch am Kapitalmarkt. Jahrelang lagen Aktionärsschützer und Kleinaktionäre MAN-Chef Rudolf Rupprecht in den Ohren, er möge doch endlich die Vorzugsaktien abschaffen. Der stellte sich zwar nicht ganz taub und sammelte im vergangenen Jahr über ein Rückkaufprogramm einen Teil der ungeliebten Vorzüge am Markt ein.

Doch für einen sauberen Schnitt waren ihm die Hände gebunden. Der Grund: Großaktionär Allianz, mit 36 Prozent indirekt am stimmberechtigten Kapital des Maschinen- und Nutzfahrzeugherstellers beteiligt, sperrte sich mit Händen und Füßen gegen die komplette Umwandlung der Vorzüge in Stammaktien. Der Versicherungskonzern fürchtete ganz einfach um den sinkenden Einfluss seiner Stimmrechte, wenn auf der Hauptversammlung auch die ehemaligen Vorzugsaktionäre die Hand heben dürfen.

Doch in der vergangenen Woche brach der Widerstand. Mit einer Zuzahlung von 3,30 Euro, so ließ die MAN-Verwaltung die Vorzugsaktionäre wissen, können sie, einen entsprechenden Entschluss der kommenden Hauptversammlung vorausgesetzt, ihre Anteile in Stammaktien tauschen.

Das Umdenken bei den Münchenern kommt nicht von ungefähr. Denn ab Ende Juni macht die Deutsche Börse AG Ernst. Dann nämlich stellt sie die Berechnungssystematik für die von ihr berechneten Indizes um und die Karten im Dax, MDax & Co. werden neu gemischt.

Ab diesem Zeitpunkt zählt nämlich für die Gewichtung im jeweiligen Index nur noch die Zahl der Aktien, die nicht von einem Großaktionär gehalten werden, der so genannte Free Float. Lässt eine Gesellschaft darüber hinaus zwei verschiedene Aktiengattungen an der Börse notieren, geht nur die liquidere in die Berechnung des Marktwertes mit ein - üblicherweise sind das die Stammaktien.

Umstellung bietet Anlegern gute Möglichkeiten

Nach Ansicht von Analysten bietet die Umstellung beweglichen Anlegern Chancen. Die Experten von HSBC Trinkaus & Burkhardt zum Beispiel haben bei der im September 2000 vorgenommen Neuberechnung der Stoxx-Indizes erhebliche Wechselbewegungen festgestellt. "Wir haben anhand der Kursdaten beobachtet, dass die Gewinner der Stoxx-Umstellung in den drei Monaten vor dem Termin eine Outperformance zeigen und sich die Verlierer schlechter entwicklen", sagt Volker Borghoff, Anlagestratege bei HSBC. "Nach dem Termin kehrt sich das Verhältnis dann wieder um."

Nach Ansicht von Borghoff spricht nichts dagegen, dass sich dieses Muster beim Dax wiederholt, schließlich gebe es genügend institutionelle Anleger, die mit ihrem Portfolio den Index nachbilden oder sich zumindest sehr stark daran orientieren. Zudem existieren am deutschen Markt Tausende von Indexprodukten - Zertifikate, Fonds und Optionsscheine -, und für diese müssen sich die Emittenten über den Markt eindecken. Das treibt automatisch die Nachfrage nach den Gewinnern der Reform: Unternehmen mit keinem oder nur wenigen Großaktionären, die relativ geringe Aktienpakete halten.

Berechnungen der Deutsche Börse AG zeigen, dass dies der Elektrokonzern Siemens, die Deutsche Bank, der Versorger Eon und der Chemie- und Pharmawert Bayer ist. Ihr Indexgewicht steigt im Schnitt zwischen 1,5 und zwei Prozentpunkten. Die HSBC-Analysten sehen auch Daimler-Chrysler als einen Profiteur der Reform.

Zu den Verlierern gehören dagegen ihrer Ansicht nach die Deutsche Telekom und VW - Gesellschaften, an denen der Staat (noch) in nennenswertem Umfang beteiligt ist. Dazu kommen die ebenfalls von Großaktionären dominierten BMW, Münchener Rück und SAP.

Doch auch wenn der Einfluss im Dax abnimmt, ernsthaft gefährdet ist der Indexplatz dieser Werte nicht. Das sieht bei "Leichtgewichten" wie MAN, das zu den Schlusslichtern in Sachen Marktkapitalisierung gehört, anders aus. Sie müssen alle Möglichkeiten ausschöpfen, um die Zugehörigkeit zum Dax zu wahren und nicht zum nächsten Revisionstermin im August gegen die MDax-Anführer Altana oder Beiersdorf ausgetauscht zu werden.

Doch ob Umwandlung- oder Neugewichtungsspekulation - mehr als ein paar Prozentpunkte extra bei einem insgesamt steigenden Dax lassen sich damit nach Ansicht Borghoffs nicht verdienen. Denn die Bäume wachsen nicht in den Himmel. "Wir rechnen mit einem Indexplus von acht bis zehn Prozent im zweiten Quartal, dann ist unserer Ansicht nach aber der zyklische Aufschwung wieder beendet."

Gründe dafür gibt es nach Ansicht Borghoffs genug. So seien die strukturellen Probleme vieler Unternehmen größer als angenommen. Die Zunahme der Unternehmensgewinne werde deshalb nicht ganz so hoch ausfallen, wie von vielen Marktteilnehmern allgemein erwartet.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%