Neuer Standard zur Behandlung von Geschäfts- und Firmenwerten
Gastkommentar: Weniger Transparenz bei Unternehmensbilanzen

Unternehmen haben in den letzten Jahren ihren Willen zur weltweiten Präsenz auf allen wichtigen Märkten unter Beweis gestellt.

DÜSSELDORF. Begriffe wie "Global-Player" sind inzwischen jedem bekannt, und nur wenige Unternehmen versuchen, sich dem Image des international agierenden Konzerns zu entziehen. Die Folge ist eine weltweite Akquisitions- und Fusionswelle. Die dabei gezahlten Preise übersteigen den Substanzwert der übernommenen Unternehmen vielfach. Die sich als Differenz ergebenden Geschäftswerte ("Goodwill") erreichen nicht selten Milliardenhöhe.

Paradebeispiele der jüngsten Zeit sind die Übernahme von Mannesmann durch die britische Vodafone Airtouch oder der erst kürzlich vollzogene Erwerb der amerikanischen Voicestream durch die Deutsche Telekom. Diese Konstellation, die zahlreiche Unternehmensakquisitionen kennzeichnet, löst in der Folge durch die - bisher in allen Rechtskreisen gebotene planmäßige - Abschreibung der Geschäftswerte erhebliche Ergebnisbelastungen aus. Es wundert nicht, dass diese Thematik bei den internationalen Standard Settern höchste Aufmerksamkeit findet.

Am 29. Juni 2001 hat der amerikanische Standard Setter, das FASB, die Behandlung von Geschäftswerten unter US-Gaap grundlegend geändert. Die Neuregelung sieht einen generellen Verzicht auf die planmäßige Abschreibung von Geschäftswerten vor. Statt dessen soll nach dem so genannten "Non-Amortization-Approach" künftig nur noch fallweise eine außerplanmäßige Abschreibung im Falle eingetretener Wertminderungen erfolgen.

Vorausgegangen waren dieser Entscheidung Hinweise von Unternehmen, die durch die Geschäftswertabschreibung verursachten langfristigen und erheblichen Ergebnisbelastungen seien dem Kapitalmarkt kaum noch verständlich zu machen. Verschärft wurde dies durch das vom FASB seit einiger Zeit favorisierte Verbot der "Pooling of Interests"-Methode, ein Konsolidierungsverfahren, das den Unternehmen in bestimmten Fällen erlaubt, Zusammenschlüsse ohne Aufdeckung eines Geschäftswerts zu vollziehen.

Welche Konsequenzen sind mit der Änderung der Geschäftswertbehandlung verbunden? Zunächst entfällt die jährliche Ergebnisbelastung durch die planmäßige Abschreibung. Im Gegenzug hat der Bilanzierende periodisch einen Werthaltigkeitstest durchzuführen, der zwei Probleme aufwirft. Zum einen setzt er eine Aufteilung des "Goodwill" und der erworbenen Vermögenswerte und Schulden auf strategische Geschäftseinheiten (Reporting Units) voraus. Zum anderen verlangt er die Abschätzung der künftigen Cash-Flows für diese Einheiten. Die Differenz zwischen den diskontierten Cash-Flows und dem Marktwert des bilanzierten Vermögens ist dem Wert des auf die "Reporting Unit" entfallenden "Goodwill" gegenüber zu stellen.

Zielte die bisherige Regelung darauf, durch die planmäßige Abschreibung des bezahlten Goodwill dessen kontinuierliche Wertminderung ohne Rücksicht auf zwischenzeitliche Steigerungen des Unternehmenswerts abzubilden, so führt die Neuregelung zu einem Paradigmenwechsel. Indem sie zur Beurteilung der Werthaltigkeit eines erworbenen Geschäftswerts auf die künftigen Cash-Flows einer "Reporting Unit" abstellt, unterscheidet sie nicht mehr zwischen dem bezahlten Ertragspotenzial des erworbenen Unternehmens und dem vom Erwerber in der Folgezeit neu geschaffenen. Anders gesagt: Gelingt es einem Unternehmen, den Wertverlust eines erworbenen "Goodwill" durch eine Steigerung des Unternehmenswerts zu kompensieren, erfolgt keine Abschreibung. Diese Verfahrensweise erscheint insofern bedenklich, als sie zu einer - international bislang durchgängig verbotenen - Aktivierung eines selbst geschaffenen "Goodwill" durch die Hintertür führt.

Es kommt hinzu, dass der "Non-Amortization-Approach" durch die erforderliche Abgrenzung der "Reporting Units", die Zuordnung des "Goodwill" auf die einzelnen "Reporting Units" und insbesondere die Schätzung der künftigen Cash-Flows in starkem Maße subjektive Ermessensentscheidungen in die Bilanzierung hinein trägt, was bilanzpolitische Spielräume eröffnet. Die Folge sind erhöhte Anforderungen an die Unternehmen und Abschlussprüfer. Dies mag man für die USA noch in Kauf nehmen. Dort gelistete Unternehmen unterliegen nämlich in Gestalt der US-Wertpapieraufsichtsbehörde SEC einer (zweiten) unabhängigen Kontrollinstanz. Ein solches Korrektiv fehlt in Deutschland. Nicht zuletzt dieses Manko war dem Ansehen der handelsrechtlichen Bilanzierung in der Vergangenheit abträglich und lässt befürchten, dass auch die nun notwendigen subjektiven Wertungen bei den nicht der SEC-Aufsicht unterliegenden, nach US-Gaap bilanzierenden Unternehmen nicht wirklich zu einer informativeren Bilanzierung führen werden. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass notwendige Abwertungen unterbleiben.

Mit Blick auf den vom FASB in jüngster Zeit eingeschlagenen Weg erscheint der "Non Amortization Approach" freilich konsequent: Um dem Informationsinteresse der Kapitalmarktteilnehmer gerecht zu werden, sollen vermehrt zukunftsorientierte Elemente in die Bilanzierung eingehen. Dies verlangt zunehmend subjektive Wertungen durch das Management und Anlehnungen an interne Berichtsstrukturen. Ein Trend, der sich vermutlich auch bei künftigen Neuregelungen fortsetzt. Mit Blick auf deutsche US- Gaap-Bilanzierer sei noch auf ein Sonderproblem hingewiesen, das wohl nur auf EU-Ebene gelöst werden kann: Ob nationale Unternehmen die neuen Vorschriften mit befreiender Wirkung anwenden dürfen, ist keinesfalls klar: Nach § 292a Abs. 2 Nr. 2 HGB muss nämlich der an die Stelle eines HGB-Abschlusses tretende US-Gaap-Abschluss im Einklang mit der 7. EG-Richtlinie stehen. Diese sieht aber eine planmäßige Abschreibung des Geschäfts- oder Firmenwerts zwingend vor.

Karlheinz Küting ist Direktor des Instituts für Wirtschaftsprüfung der Universität des Saarlandes.

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