Neuer Tiefpunkt für das Blatt
New York Times im Zwielicht

Für die angesehene "New York Times" ist es "ein Tiefpunkt in der 152-jährigen Geschichte der Zeitung", für den 27 Jahre alten Reporter Jayson Blair das Ende einer jungen Karriere. In einer eigenen Untersuchung hat die Redaktion zahlreiche Fälschungen des jungen Journalisten aufgedeckt, die ihren Weg in teils spektakuläre Artikel des Blattes gefunden hatten.

HB/dpa DÜSSELDORF/NEW YORK. Besonders unangenehm für die "Times", die erst kürzlich in einer Umfrage zur angesehensten Zeitung der Welt gewählt wurde: Ein Vorgesetzter hatte schon vor einem Jahr in einer E-Mail vor fehlerhaften Texten Blairs gewarnt: "Wir müssen Jayson daran hindern, für die Times zu schreiben. Sofort."

Fast vier Jahre lang hat der junge Mann für die Zeitung gearbeitet, und immer wieder beanstandeten Redakteure seine schlampige und fehlerhafte Arbeit. Niemand aber, so stellt die Redaktion jetzt fest, habe es für möglich gehalten, dass Blair systematisch fälschte. "Er erfand Aussagen. Er dachte sich Szenen aus. Er schrieb bei anderen Zeitungen und Agenturen ab."

Anhand von Einzelheiten, die er von Fotos kannte, beschrieb er Orte und Szenen, die er nie gesehen hatte. In jüngster Zeit war er mit der Berichterstattung über die Heckenschützen von Washington und über Familien von im Irak getöteten Soldaten betraut gewesen. Dabei operierte er mit falschen oder erfundenen Aussagen und zitierte Menschen, mit denen er nie gesprochen hatte. Nach Plagiatsvorwürfen anderer Medien ergab eine Überprüfung von 73 Berichten, die er seit Oktober 2002 geschrieben hatte, derartige "Probleme" in 36 von ihnen.

Keine Spesenquittungen

Insgesamt lieferte Blair in den Monaten seit Oktober Artikel, die angeblich aus 20 verschiedenen Orten in sechs US-Bundesstaaten kamen. Mittlerweile geht man bei der Zeitung davon aus, dass er während der ganzen Zeit New York nicht verlassen hat. Mit einem Handy und einem Laptop verschleierte er seinen Standort und hatte online Zugang zu den Medien, von denen er abschrieb. Trotz seiner angeblichen Reisen reichte er keine Spesenquittungen ein - weder für Hotelzimmer noch Mietwagen oder Flugticket.

Angesichts der zahlreichen Beschwerden über die Arbeit des Journalisten stellen sich die Verantwortlichen die Frage, warum Blair trotzdem weiter arbeiten konnte. In ihrem Bericht kommt die Redaktion zu dem Schluss, dass inmitten spektakulärer Ereignisse wie Serienmorde, Katastrophen und Krieg "etwas offensichtlich im newsroom der Times zusammengebrochen ist. Und das scheint die Kommunikation zu sein - der eigentliche Zweck der Zeitung selbst."

Warnungen verhallen ungehört

Einige Reporter gaben ihre kritische Einschätzung von Blairs Arbeit nicht an zuständige Redakteure weiter. "Redakteure suchten oder beachteten nicht die Warnungen anderer Redakteure." Das Fazit der Redaktion: Umfassende Information über Jayson Blair war an unterschiedlichen Stellen in ein und demselben Gebäude verfügbar, "aber niemand fügte sie zusammen, um herauszufinden, ob er unter den enormen Druck gesetzt werden sollte, über national bedeutende Ereignisse zu berichten".

In ihrer Zusammenfassung der Ereignisse stellt die Zeitung fest, dass es Derartiges bei dem Blatt noch nie gegeben habe. Noch nie habe jemand in vergleichbarer Weise systematisch versucht, zu lügen und zu betrügen. Blair sei zwar nur einer von etwa 375 Reportern der "Times" gewesen und seine Laufbahn kurz. "Aber der Schaden, den er der Zeitung und ihren Beschäftigten zugefügt hat, wird nicht mit den Ausgaben der nächsten Woche völlig verschwunden sein - oder mit denen des nächsten Monats oder des nächsten Jahres."

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