Neuer Vorstand bei Linde
Wolfgang Reitzle: Die Reiz-Figur

Er war einer der begehrtesten Automanager Deutschlands. Seit ein paar Tagen arbeitet Wolfgang Reitzle bei Linde. Und die Aktionäre bestaunen ihre Neuerwerbung.

MÜNCHEN Eleganter Anzug, Umschlagsmanschette am Hemd und Errol-Flynn-Bart - Wolfgang Reitzle sieht aus wie immer, als er sich aufs Podium begibt. Er ist in München, wie damals bei BMW, er hat großes Publikum wie meist in seinem Leben. Aber doch ist alles anders. Der Paradiesvogel der Automobilbranche ist bei den Grauköpfen von Linde gelandet, seit vier Tagen ist er neuer Vorstand des Mischkonzerns. Zum Jahreswechsel soll er den Chefposten von Gerhard Full, 66, übernehmen.

Noch hält sich der 53-jährige Manager auf der Hauptversammlung zurück. Er sitzt auf dem Podium, lauscht und schweigt. Dort oben, fast zwei Meter über den Köpfen der Aktionäre, befindet sich Reitzle schon mal in guter Gesellschaft. Der Kreis der Linde-Aufsichtsräte, mit Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle und dem designierten Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, ist erlesen. Sie haben Reitzle einstimmig gewählt. Spekulationen, die Chefs der wichtigsten Finanz-Konzerne in Deutschland wollten unter Reitzles Führung ihre Beteiligungen im Anlagenbau zusammenführen und einen neuen deutschen Anlagenbau-Konzern schmieden, erteilt Full eine klare Absage: "Wir stehen einer deutschen Anlagenbau-Holding ablehnend gegenüber. Es bringt im Anlagenbau nichts, Kranke und Gesunde zusammenzubringen."

Reitzle gilt als snobistisch

Reitzle lauscht regungslos der Rede seines Vorgängers. Es geht um das schwierige Geschäft, nicht nur um Anlagenbau, sondern auch um technische Gase, Gabelstapler und Kältetechnik - bislang nicht seine Welt. Reitzle gilt als snobistisch, er liebt den Luxus und hat sogar im vergangenen Jahr ein Buch über Luxus und dessen Antriebskräfte für die Volkswirtschaft geschrieben. Das Portfolio von Linde hat er selbst als "unerotisch", den Konzern dagegen als "schlafendes Juwel" bezeichnet, hoch profitabel selbst in der Konjunkturkrise. Verschmitzt schaut Reitzle schon mal auf die Leinwand hinter sich, auf die das Konterfei des Redners überlebensgroß projiziert wird. Im nächsten Jahr werden dort alle Wolfgang Reitzle sehen. Bill Ford, Gründer-Urenkel und Chef von Ford, seinem letzten Arbeitgeber, brachte es auf den Punkt, als er den Wechsel Reitzles kommentierte: "Reitzle wollte Chef werden, Chef eines deutschen Unternehmens." Doch dies ist nicht der einzige Grund.

Er wollte näher bei seiner Frau, der Fernsehmoderatorin Nina Ruge sein. Der Firmensitz von Linde in Wiesbaden liegt nicht weit vom ZDF in Mainz, wo seine Frau arbeitet. Sie lebt in München, und dort darf Reitzle in der alten Linde-Villa residieren. Ambiente ist für einen Mann wie Reitzle wichtig, aber wohl nicht alles entscheidend.

BMW ließ Reitzle nicht an die Spitze

Zweimal ist er in der Automobilindustrie gescheitert, als es darum ging, ganz nach oben zu kommen. Bei BMW verweigerten ihm die Arbeitnehmervertreter die Pole-Position, als Bernd Pischetsrieder wegen des Rover-Debakels Platz machen musste. Joachim Milberg zog an Reitzle vorbei, obwohl Reitzle großen Anteil am Aufstieg von BMW hatte. 23 Jahre zielstrebiges Arbeiten waren auf einmal dahin. 1999 wechselte er aus enttäuschter Liebe zu Ford. Böse Zungen behaupten, Reitzle sei nur zu Ford, weil der damalige Chef Jack Nasser ihm Hoffnungen gemacht habe, seinen alten Arbeitgeber BMW zu übernehmen. Aber bei Ford lief es nicht gut, die Ergebnisse brachen ein, und Nasser musste gehen. Im April ging auch Reitzle, obwohl er einen mit weit über fünf Millionen Dollar dotierten Job in der Konzernzentrale in Detroit angeboten bekommen haben soll. Das Risiko wäre groß gewesen, sich beim Machtkampf in der Detroiter Zentrale als Deutscher zu verschleißen.

Linde Aufsichtsratschef Hans Meinhardt hat die Chance ergriffen und Reitzle nach Wiesbaden geholt. Meinhardt war bis 1997 selbst Vorstandschef von Linde und hat das Unternehmen wie ein Patriarch geführt. "Ohne Meinhardt läuft noch heute bei Linde nichts", sagt ein Mitarbeiter.

Meinhardt wollte Reitzle schon lange nach Wiesbaden holen. Er kennt ihn seit 17 Jahren. Der Ex-Linde-Chef saß im BMW-Aufsichtsrat, als Reitzle zweiter Mann hinter Pischetsrieder war. "Dort hat Meinhardt die Qualitäten und Fähigkeiten von Reitzle kennen und schätzen gelernt", weiß ein Unternehmensinsider, der beide Manager seit Jahren kennt.

Konzern-Kenner zweifeln an der Neubesetzung

Doch das neue Duo bei Linde gilt nicht allen als Traumpaar. Sowohl Meinhardt als auch Reitzle sind sehr dominante Führungspersönlichkeiten. Einige Konzern-Kenner zweifeln an der Neubesetzung, weil Reitzle zu stark polarisiere. "Er ist nicht der Mann für eine Nummer eins", wird bereits gestichelt. Schon laufen in Wiesbaden die ersten Wetten, in denen Reitzle maximal zwei Jahre bei Linde gegeben werden.

Aktionärssprecherin Daniela Bergdolt stellte auf der Hauptversammlung süffisant fest: "Linde ist eigentlich grundsolide und nicht für Abenteuer bekannt. Aber auch die Aktionärsschützerin wünscht Reitzle einen guten Start und erntet den meisten Applaus auf der Hauptversammlung mit der Frage, wie windschnittig wohl künftig die Gabelstapler von Linde werden. Auch Reitzle grinst. Man wird nicht verwöhnt mit Witzen bei Linde.

Offene Kritik an der Berufung Reitzles äußern die Aktionäre nicht. "Ich sehe kein Konfliktpotenzial. Hätte Herr Meinhardt wirklich einen schwachen Mann gewollt, hätte er sich nicht Reitzle geholt ", heißt es im Umfeld des Aufsichtsrates. Meinhardt hatte lange nach einem starken Mann für die Linde-Spitze gesucht hat. Gerhard Full galt stets als Übergangskandidat. Meinhardts erster Kandidat, der ehemalige VDO-Chef Peter Grafoner, wurde im vergangenen Jahr von Meinhardt rausgeschmissen, weil er angeblich zu viel unausgegorene Ideen hatte und viel zu viel Unruhe ins Unternehmen brachte.

Reitzle wird im Unternehmen dagegen zugetraut, das etwas angestaubte Image von Linde aufzupolieren. "Reitzle ist nicht nur ein Autonarr. Er ist von Hause aus Maschinenbauingenieur. Und das steht einem Maschinenbau-unternehmen eigentlich sehr gut zu Gesicht; vielleicht sogar besser als ein Kaufmann, wie es zum Beispiel Meinhardt ist."

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