Neuer Vorstandschef von Bertelsmann
Gunter Thielen: Integrationsfigur ohne Eitelkeit

Der 59-Jährige steht bei Bertelsmann stets im Hintergrund, doch er ist schon längst der starke Mann. Als neuer Chef des Vorstands ist seine Integrationskraft gefragt.

HB GÜTERSLOH. Wer bei Bertelsmann nach einem Manager sucht, der nahezu das komplette Gegenteil des bisherigen Konzernchefs Thomas Middelhoff verkörpert, der wird bei Vorstandsmitglied Gunter Thielen schnell fündig. Thielen gilt als zurückhaltend, eher blass, und er hat es geschafft, in der Medienbranche trotz ungebremsten Aufstiegs weitgehend unbekannt zu bleiben. Er ist nicht der großartige Selbstdarsteller, die Nobelfigur; er ist einer, dem öffentliche Aufmerksamkeit egal ist. Geschadet hat dies dem 59-Jährigen nicht - er hat es ohne die branchenüblichen Klischees an die Spitze von Deutschlands größtem Medienkonzern geschafft.

Mit der gestrigen Entscheidung - so scheint es - setzt Bertelsmann in stürmischen Zeiten auf Bodenständigkeit, Erfahrung und Beharrlichkeit. Denn die entsprechenden Attribute werden Gunter Thielen seit jeher zugeschrieben. Pfauenhaftes Auftreten liegt ihm gar nicht. Er verfolgt seine Strategien im Hintergrund ohne viel Tamtam, aber nicht ohne Druck - und vor allem nicht ohne wirtschaftlichen Erfolg. Als Chef der eigenständigen Industrie- und Drucktochter Arvato hat Thielen stets hohe Gewinne innerhalb des Konzerns abgeliefert. Er gilt als "alter Kämpfer" bei Bertelsmann, der mit seiner Kraft als Integrationsfigur das Unternehmen wieder zusammenschweißen kann.

Altersgrenze aufgehoben

Das ist dem Gütersloher Konzern offensichtlich so viel wert, dass er seine traditionelle Altersgrenze für die Vorstandschefs aufhebt. Nach dem ehernen Gesetz von Bertelsmann müssen die Chefs mit 60 die Konzernspitze verlassen. Gunter Thielen feiert am kommenden Sonntag, dem 4. August, seinen 60. Geburtstag. Er ist aber keineswegs ein Übergangskandidat.

Von der bisherigen unternehmerischen Leistung Thielens im Bertelsmann-Konzern zeigte sich besonders der legendäre Gründer und frühere Chef der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft und Bertelsmann-Stiftung, Reinhard Mohn, überzeugt. Mohn entwickelte sich zu Thielens Förderer und machte ihn im Oktober vorigen Jahres zu seinem Nachfolger an der Spitze der Institutionen, die bei Bertelsmann die Mehrheit des Kapitals halten und die Stimmrechte kontrollieren.

Machtwechsel ohne viel Aufsehen

Der Machtwechsel gelang ohne viel Aufsehen - so wie es Mohns und Thielens Art ist. Thielen genießt nicht nur das volle Vertrauen des 80-jährigen Mohn, sondern auch das von dessen deutlich jüngerer Ehefrau Liz, die bei Bertelsmann im Hintergrund eine immer wichtigere Rolle einnimmt. Das macht ihn schon seit Oktober 2001 zum starken Mann bei Bertelsmann.

Dem künftigen Vorstandsvorsitzenden macht es überhaupt nichts aus, dass er stets im Hintergrund agiert und in der Selbstvermarktung glattweg mit der Note "ungenügend" bewertet würde. Er setzt sich langfristige Ziele, bricht als Manager keine Entscheidung übers Knie und ist stolz darauf, dass er bislang in seinem Bereich nie zum letzten Mittel größerer Entlassungen greifen musste. "Was mich als Manager am meisten ärgert, ist zu spätes Handeln", sagt Thielen.

Vollblutunternehmer Thielen

Dass er ein Vollblutunternehmer ist, hat Thielen nicht nur im Druck- und Industriegeschäft gezeigt. Als Anteilseigner wirft er ein Auge auf das Management der Hans Höll Fleischwarenfabrik im Saarland, zudem ist er an der Firma Altatec beteiligt, einem Spezialisten für Zahnimplantate. Mit Rückendeckung Mohns setzt Thielen als Chef bei der Bertelsmann-Stiftung mehr unternehmerisches Denken durch: Die Stiftungsarbeit soll von projektbezogenen Teams gestemmt werden, die sich an Budgetvorgaben halten und an Zielen messen lassen müssen. Die Stiftungsergebnisse werden künftig von eigenen Beratern vor Ort umgesetzt.

Als Thielens Stärke gelten Verlässlichkeit und Offenheit, und das macht ihn auch in der Arbeitnehmerschaft von Bertelsmann beliebt. Es gibt im gesamten Konzern niemanden, der über ihn etwas Schlechtes berichten könnte und würde. Thielen ist im aufgewühlten Bertelsmann-Konzern die letzte verbliebene große Integrationsfigur.

Quelle: Handelsblatt

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