Neuer Vorstandssprecher der Deutschen Bank
Die Talente des Josef Ackermann

Er ist nicht brillant. Trotzdem konnte nur Josef Ackermann Chef der Deutschen Bank werden. Denn er hat klare Vorstellungen. Und er weiß, wie man gewinnt.

LONDON/ZÜRICH. Die Mission, zu der sich die beiden Männer treffen, ist streng geheim. Anfang 1993 fährt Josef Ackermann mit seinem Chef Rainer Gut vom Züricher Amtssitz der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA) nach Bern. Sie stellen die schwere Limousine in einem Parkhaus ab und steigen auf den Rücksitz eines unscheinbaren Kleinwagens. Ackermann und Gut wollen dem Aufsichtsrat der Volksbank ein Übernahmeangebot präsentieren. Sie sind nicht die Einzigen. Als die beiden das Parkhaus der fünftgrößten Schweizer Bank erreichen, verlassen zuversichtliche Emissäre der Schweizer Bankgesellschaft den Altbau. Sie haben alle Trümpfe in der Hand, die Bankgesellschaft gilt als "natürlicher" Partner der Volksbank.

Im Sitzungssaal angekommen, spricht Ackermann zunächst über strategische Dinge. Mitten im Vortrag wendet er sich direkt an Walter Reist, einen der wichtigsten Befürworter einer Allianz mit der Bankgesellschaft. Er habe dessen Buch zur Unternehmensführung mit Freude gelesen, beginnt Ackermann. Einige seiner Thesen entsprächen exakt den Wertvorstellungen der SKA, sagt er und nennt Gründe dafür. Reist, Unternehmensgründer und ehrwürdiger Stifter, lächelt noch breiter als sonst. Als Ackermann und Gut die Volksbank verlassen, bringt Reist den Rest des Aufsichtsrats dazu, für die SKA zu stimmen. Wenig später bekommt Gut den Anruf. Die Übernahme ist gelungen.

Gut vorbereitet, geschickt, geschmeidig

So hat es Josef Ackermann, ab Mittwoch nächster Woche Vorstandssprecher der Deutschen Bank, ganz an die Spitze geschafft: gut vorbereitet, geschickt, geschmeidig. Zielstrebig will er nun das bedeutendste deutsche Geldinstitut verändern.

Schon von der Person her könnte der Schweizer Josef Ackermann, 54, nicht unterschiedlicher sein zum Rheinländer Rolf-E. Breuer. Der alte ist ein Moderator und begnadeter Rhetoriker; der neue ein Stratege, der lieber im Stillen arbeitet. Wenn Ackermann von der Zeit nach dem 22. Mai spricht, hat er vor allem einen Wunsch: "Ich hoffe, dass ich mich nicht allzu sehr verbiegen muss." Ackermann will ein zwischen Privatkunden und Investment-Banking zerrissenes Institut zusammenführen. Er will den viel zu hohen Kostenblock abschmelzen, langfristig weit über die angekündigten zwei Milliarden Euro hinaus. Er will den Marktwert wenigstens verdoppeln, um eine feindliche Übernahme zu verhindern. Und er will die Deutsche Bank dahin bringen, wo sie nie war: an die Weltspitze als wirklich globales Institut.

Der Mann, der das schaffen will, stammt aus dem Schweizer Ort Mels in der Nähe des Walensees, am Fuße des Pizols. Der älteste von drei Brüdern ist ein guter Schüler, aber das ist nicht der Grund, warum er gerade den weiblichen Teil seiner Klasse begeistert. Ackermann sieht gut aus, und er ist sehr sportlich. Im Fünfkampf gehört er zu den zehn Besten in der Schweiz. Die 100 Meter läuft er unter elf Sekunden. Er ist diszipliniert. Jeden Morgen fährt er mehr als eine Stunde bis zur Bündener Kantonsschule in Chur, zum Teil mit dem Fahrrad, zum Teil mit dem Bus. Jeden Morgen um 7.30 Uhr sitzt er auf den alten Holzbänken mit Klappsitzen, auf denen bereits sein Vater, ein Landarzt, gepaukt hat.

Schon in der Schule spricht "Seppi", wie er genannt wird, gerne über das, was die Welt zusammenhält: Politik, Gesellschaft, Macht. "Er braucht keine langen Urlaube. Solche Gespräche sind für ihn entspannend genug", sagt Jörg Neef, einer seiner Weggefährten aus Zeiten der Schweizer Kreditanstalt.

Ausbildung in St. Gallen

Die Ökonomie interessiert ihn bald. Parallel zum Militärweg, den er später als Artillerie-Oberst beendet, geht Ackermann an die Hochschule St. Gallen. Dort dauert es nicht lange, bis "Joe", wie er sich mittlerweile rufen lässt, auffällt. Der ebenso renommierte wie politisch linke Professor Hans Christoph Binswanger bemerkt "seine guten Antworten" im Seminar für Geld- und Währungspolitik. Binswanger bietet ihm eine Assistentenstelle an. Ackermann schreibt eine Dissertation über den "Einfluss des Geldes auf das reale Wirtschaftsgeschehen".

Heute kann sich der künftige Deutsche-Bank-Chef aus erster Hand über dieses Thema informieren. Er liebt es, sich zu Vier-Augen-Gesprächen mit den Großen der Welt zu treffen, mit EZB-Präsident Wim Duisenberg oder dem Chef der amerikanischen Notenbank, Alan Greenspan. Gerne lässt Ackermann in einem Nebensatz fallen, dass er neulich erst mit dem chinesischen Präsidenten Jiang Zemin zusammengetroffen sei. "Er misst und orientiert sich sehr an den Eliten", sagt ein Freund. Hinter der Fassade des "Pragmatic Joe" lauert auch ein intellektueller Snob.

Dass Ackermann nach dem Studium zur Schweizer Kreditanstalt (SKA) geht, mag einige überraschen - seinen Doktorvater nicht. "Er war keiner von denen, die unbedingt Wissenschaftler werden müssen", sagt Binswanger. Sicher, er hätte auch in der Hochschule Karriere gemacht. Aber Ackermann fehlt die Brillanz auf einem einzelnen Gebiet. Er hat nicht ein hervorragendes Talent, sondern viele, gut verteilt. Er setzt sie so ein, dass "nichts an ihm extrem oder penetrant wirkt", wie Gerhard Schwarz sagt, sein früherer Promotions-Kollege, heute Wirtschaftschef der Neuen Zürcher Zeitung.

Nicht, dass Ackermann farblos wäre. Wenn er eine Meinung hat, vertritt er sie. Aber "er verhält sich wie jemand, der wenige Niederlagen erlebt hat", meint Schwarz. Selbstbewusst, aber nicht verkrampft. Souverän, aber nicht hochmütig. Freundlich, aber nicht anbiedernd. Seine umgängliche Art erleichtert es dem Kulturliebhaber, karrierewichtige Netzwerke zu knüpfen. Wo er ist, bringt er die entscheidenden Leute hinter sich.

Das war bei der SKA - die später in Crédit Suisse umfirmiert wurde - mit ihrem Patriarchen Rainer Gut lange Zeit so. Nach der Übernahme der Volksbank, erinnert sich ein Bekannter, habe das eher kalte Gesicht Guts geradezu geleuchtet, wenn er von Ackermann sprach. Bei der Deutschen Bank findet Ackermann im Vorstandssprecher und späteren Aufsichtsratsvorsitzenden Hilmar Kopper seinen Förderer. Wann immer es die Zeit erlaubt, geht er, unter den irritierten Blicken der Mitvorstände, mit Kopper im Frankfurter Vorstandscasino essen.

Ackermanns Fleiß, sein Engagement und seine Verbindungen zahlen sich aus: Bei der SKA hat er mit 33 Jahren 300 Mitarbeiter unter sich. 1993 ist er Präsident der Generaldirektion. Bei der Deutschen Bank zieht er an Thomas Fischer vorbei.

Psychologe und Militär

Ackermann versteht etwas von Psychologie. Schon beim Militär lernt er, wie man aus Konflikten als Sieger hervorgeht. Seitdem wirbt er dafür, militärische Kenntnisse ins zivile Leben zu übernehmen. Als er zu Beginn seiner Zeit bei der Deutschen Bank hohe Boni-Zahlungen für die Investment-Banker durchpauken will, entwaffnet er Gegner mit einfachen Fragen wie: "Würden Sie für ein Institut arbeiten, das Ihnen nur die Hälfte der Konkurrenz bezahlt?"

Die vergangenen 20 Monate als zweiter Mann hinter Breuer verlangten von Ackermann viel Geduld. Vermutlich hätte er einiges anders gemacht; offen würde er sich aber niemals gegen den Vorgänger und künftigen Aufsichtsratschef stellen. "Er ist viel zu geschickt, um sich mit Leuten anzulegen, die Einfluss haben", sagt ein ehemaliger Vorstand.

Selten nur greift Ackermann direkt und brutal an. Als ihm das ganze Ausmaß der Holzmann-Pleite bewusst wird, brüllt er im Vorstand den zuständigen Carl-L. von Boehm-Bezing an: "Ihren kleinen Laden für die Firmenkunden mache ich an einem Nachmittag in der Woche." Normalerweise agiert er leiser, effektiver. Wer ihm nicht nützt oder als Mitarbeiter nicht folgen kann, wird kaltgestellt: "Diese Leute lässt er einfach links liegen", sagt ein früherer Kollege.

Ackermann selbst gesteht Fehler offen ein und verhindert so, dass sie ihn überrollen. 1998 verspekuliert er als der damals in der Deutschen Bank zuständige Vorstand für die Währungsgeschäfte einen dreistelligen Millionenbetrag. Noch bevor ihn jemand fragt, legt der Schweizer - wie sich ein Beteiligter erinnert - "alle Details der Transaktionen" auf den Tisch. Er verspricht, den Verlust wieder auszugleichen - wenige Monate später gelingt ihm das.

Klare Strategie

Dennoch hält ihn niemand in der Deutschen für einen ähnlich brillanten Vordenker, wie es der verstorbene Alfred Herrhausen war. Aber er hat eine klare Strategie. In den vergangenen Monaten hat er in der Bank die Struktur umgesetzt, die er schon 1998 bei einem Vorstandstreffen auf einen kleinen Zettel malte. Er hat das höchste Gremium bis auf den Sprecher entmachtet, einen wesentlichen Teil der Risikokontrolle ausgehebelt und das entscheidende Executive-Board fast nur mit seinen Gefolgsleuten besetzt.

Die für ihn gefährlichsten Gegner residieren nicht mehr in Frankfurt oder London, sondern in Düsseldorf. Unweit des Rheinufers ermitteln die Staatsanwälte Johannes Puls und Lothar Schroeter unter dem Aktenzeichen 28 JS159/00 die Umstände der umstrittenen Millionen-Abfindung für Mannesmann-Vorstand Klaus Esser nach der Übernahme durch Vodafone. Seit Monaten lastet der Verdacht der Untreue auf einigen Mitgliedern des Aufsichtsrats, also auch auf dem Schweizer. "Bis zum Spätsommer" wollen die Staatsanwälte entscheiden, ob Anklage erhoben wird. Wenn das geschieht, droht ein quälendes Verfahren, an dessen Ende der neue Sprecher im schlimmsten - eher unwahrscheinlichen - Fall sogar sein Amt verlieren könnte. Wenn Ackermann über eine mögliche Anklage spricht, verschwindet das sonst wie in Stein gemeißelte Lächeln aus seinem Gesicht: "Wenn das geschieht", pflegt er zu sagen, "werde ich Deutschland verlassen."

Ackermann hat seine Prinzipien. 1996 verlässt er von heute auf morgen die Crédit Suisse. Selbst Freunden gegenüber schweigt er bis heute über die Gründe. Als wahrscheinlichstes Motiv gilt, dass der allmächtige Präsident Rainer Gut den stärker werdenden Ackermann nicht mehr tolerieren wollte.

Nun ist er selbst Chef, ein Mann ohne Zeit. Seine finnische Frau Pirkko und die Tochter sieht er meist nur am Wochenende in Zürich oder wenn sie ihm irgendwo auf der Welt hinterherfliegen. Zum Singen kommt der ausgebildete Tenor nur noch im Auto mit seiner Familie. Dennoch kann Ackermann einen Abend so gestalten, als besäße er alle Zeit der Welt. Er sitzt dann auf seinem Stuhl, raucht langsam eine Zigarre und spricht darüber, nach der Rente doch noch etwas anderes zu machen. Eine Professur vielleicht, am liebsten in der Schweiz.

Quelle: Handelsblatt

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