Neuer Wettbewerber
Kommentar: Die vierte Kraft steht noch nicht unter Strom

Die Klärung des Bewag-Streits macht den Weg frei für die Gründung der nordostdeutschen Energieholding.

Zu oft ist der "Durchbruch" in den Verhandlungen über die Neuordnung der deutschen Energielandschaft schon angekündigt worden und zu oft dann doch nicht eingetreten, als dass man den Begriff noch unvoreingenommen verwenden dürfte. Immerhin: Der Berliner Senat hat seine Blockade gegen den Verkauf des hauptstädtischen Energiekonzerns Bewag aufgegeben. Die Bewag wird künftig zu gleichen Anteilen der Hamburgischen Electricitätswerke AG (HEW) und dem US-Konzern Mirant gehören. Damit steht das Tor weit offen für die letzte Etappe der Neuformierung der deutschen Energielandschaft mit der Gründung einer nordostdeutschen Energieholding aus HEW, Bewag und den beiden ostdeutschen Energiekonzernen Veag und Laubag.

Begonnen hat der von vielen Irrungen und Wirrungen begleitete Prozess mit der inzwischen längst abgeschlossenen Fusion von Veba und Veag zu Eon sowie der Übernahme von VEW durch RWE. Was folgte, war eine beispiellose Entflechtung von Unternehmensanteilen quer durch die deutsche Energieszene, verlangt und verfolgt von den Kartellbehörden in Bonn und Brüssel. Nach der Klärung der Bewag-Frage sind hier die letzten Fusionsauflagen erfüllt.

Wettbewerbshüter forderten "vierte Kraft"

Forderung der Wettbewerbshüter war nicht nur, dass Eon und RWE sich bei HEW, Bewag und den ostdeutschen Braunkohleunternehmen verabschieden sollten. Sie wünschten vielmehr den Zusammenschluss der vier kleinen Wettbewerber zu einer "vierten Kraft". Denn nur die bietet aus Sicht der Kartellwächter die Gewähr dafür, dass Eon, RWE und die Energie Baden-Württemberg mit ihrem mächtigen Partner Electricité de France den deutschen Energiemarkt nicht allein unter sich aufteilen. Unter Führung des schwedischen Staatskonzerns Vattenfall, des Hauptaktionärs der HEW, und unter maßgeblicher Beteiligung von Mirant entsteht nun jene "vierte Kraft", die nach Größe die dritte Kraft in Deutschland wird.

Bis Mitte 2003 soll das nordostdeutsche Holdingdach stehen. Da die Eigentümerfrage bei der Bewag geklärt ist und HEW und Bewag gemeinsam Veag und Laubag übernehmen sollen, sind wesentliche Forderungen der Kartellämter erfüllt. Die Treuhandnachfolgerin BVS dürfte dem Verkauf zustimmen, auch wenn hier noch mancher Stolperstein aus dem Weg geräumt werden muss.

Zur Zusammenarbeit verdammt

Die größten Schwierigkeiten werden damit nicht mehr bei den Behörden liegen, sondern in den beteiligten Unternehmen selbst. Momentan scheint schwer vorstellbar, wie Firmenchefs konstruktiv zusammenarbeiten sollen, die sich in den vergangenen Monaten teils heftigst befehdet und mitunter verletzt haben. Hier liegt für die Hauptaktionäre, Vattenfall und Mirant, eine echte Management-Herausforderung. Wird die gemeistert, könnte aus dem Miteinander in Deutschland die Basis für Kooperationen in anderen Ländern werden.

Aber nicht allein auf Vorstandsebene in Hamburg, Berlin und Senftenberg (Laubag) müssen alte Tretminen schleunigst entschärft werden. Auf Arbeitnehmerseite sieht es nicht viel besser aus. Hier kämpfen Verdi (Bewag), IG Bergbau, Chemie und Energie (Veag, Laubag) sowie IG Metall (HEW) um die Macht der Arbeitsdirektoren im nordostdeutschen Stromverbund.

Die Gemengelage zeigt, dass Eon-Chef Ulrich Hartmann und RWE-Boss Dietmar Kuhnt sich noch nicht allzu viele Sorgen um den neuen Wettbewerber aus dem deutschen Osten machen müssen. Denn während dort Wunden geleckt werden und über neue Konzepte nachgedacht wird, können sie sich in aller Ruhe um den Ausbau ihres Einflusses auf dem europäischen Energiemarkt kümmern.

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