Neues Finanzmarktgesetz
Deutsche Unternehmen bleiben den US-Börsen treu

Die Empörung ist dem Realismus gewichen. Experten rechnen damit, dass kein deutsches Unternehmen, das in den USA gelistet ist, wegen des "Sarbanes-Oxley Act" seine US-Börsennotierung aufgibt.

FRANKFURT/M. So schnell wie US-amerikanische Behörden auf die Bilanzskandale um Worldcom oder Enron reagierten, so laut war der Aufschrei außerhalb der USA. Der "Sarbanes-Oxley Act" soll Bilanzmanipulationen verhindern - das US-Gesetz wurde im Juli 2002 unterzeichnet und verfolgt ein gutes Ziel. Um, wie bei Enron, die Auslagerung unliebsamer Bilanzteile auf Offshore-Gesellschaften zu verhindern, erstreckten die Behörden die Regelungen auf alle ausländischen Gesellschaften, deren Wertpapiere an US-Börsen notieren. Was sie - offenbar im Eifer des Gefechts - übersahen, war, dass einige Regelungen, etwa für deutsche Unternehmen, Konflikte bergen.

Zu den größten der 23 unmittelbar betroffenen deutschen Konzerne zählen Daimler-Chrysler, Deutsche Bank, SAP, Bayer, Siemens und Deutsche Telekom. Von ihnen müssen unter anderem nun Vorstandschef und Finanzvorstand Bilanzen persönlich unterzeichnen - und bei Fälschungen für bis zu 20 Jahre hinter Gitter.

Ein weiteres Beispiel: Seit Freitag gibt es eine neue US-Aufsichtsbehörde für Wirtschaftsprüfer. Der müssen die Prüfer Einsicht in Firmenunterlagen gewähren, die in Deutschland unter die Verschwiegenheitspflicht fallen.

Nichtsdestotrotz wollen die betroffenen Aktiengesellschaften der US-Börse offenbar die Treue halten: Stefan Scholz, Vizepräsident von JP Morgan ADR Group, Weltmarktführer für American Depository Receipts (ADRs: von amerikanischen Banken ausgegebene Hinterlegungsscheine für ausländische Aktien), sagte gestern in Frankfurt: "Viele Kunden haben zwar ein Delisting erwogen." Scholz geht aber nach vielen Gesprächen davon aus, dass sich keine deutsche Firma delisten lässt. Die Unternehmen hätten nüchtern Aufwand der Umsetzung der neuen Bestimmungen und Nutzen ihrer US-Notierung verglichen. JP Morgan betreut unter anderem die ADRs von Siemens, Eon, Schering oder der Allianz.

Stephan Hutter, bei der internationalen Kanzlei Shearman & Sterling zuständig für internationales Kapitalmarktrecht, sagt: "Wir rechnen eher mit neuen Listings als mit Delistings." Denn ein Rückzug aus New York brächte die Unternehmensführer in Erklärungsnot: "Sie müssten Aktionären beantworten, warum sie sich delisten lassen." Würde das Unternehmen auf die Kosten oder die geringe Zahl gehandelter Aktien verweisen, könnte das Listing als unternehmerischer Fehler gedeutet werden. Würde man sich darauf berufen, dass nicht gewünscht sei, dass US-Behörden ihre Nasen zu tief in die Unternehmensunterlagen senken, müsste sich das Unternehmen fragen lassen, ob es etwas zu verbergen habe.

Zudem gebe es bei etlichen umstrittenen Punkten erfüllbare Übergangsfristen für die Umsetzung. So bleibt den Firmen etwa bis Juli 2005 Zeit, einen internen, unabhängigen Prüfungsausschuss zu bilden, der die Wirtschaftsprüfer überwacht. Dieser ist eine Art "kleiner Aufsichtsrat". Anders als in deutschen Aufsichtsräten üblich, dürfen dem Ausschuss keine ehemaligen Vorstände angehören. Richten ihn die Unternehmen nicht ein, werden ihre Titel schlimmstenfalls zwangsweise aus dem Handel genommen.

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