Neues Gesicht ohne Lachfalten
Hannover Messe hofft auf Eigendynamik

Kundige Männer hatten sich versammelt, die Zukunft zu deuten. Wie würde sie nun werden, die Konjunkturlage zur Hannover Messe? Klaus Goehrmann, Vorstandsvorsitzender der veranstaltenden Deutsche Messe AG, sprach vom Aufschwung. Bei Gotthard Graß, Geschäftsführer des Branchenverbandes ZVEI, zogen schon erste Wolken auf, er sah "eher Bodenbildung als wirklichen Aufschwung", und bei Thilo Brodtmann, Geschäftsführerkollege vom VDMA, kamen noch einige dazu: Die Maschinenproduktion werde um zwei Prozent schrumpfen - mindestens.

HB HANNOVER. In derart unübersichtlichen Lagen kommt die Hannover Messe gerade recht. Trägt sie nicht seit jeher den Beinamen "Konjunkturbarometer"? Keine Eröffnungsfeier ist vergangen, in der der jeweilige Bundeskanzler nicht die anregende Wirkung dieses "Schaufensters der Industrie" - noch so ein Beiname - gepriesen hätte.

Doch die Zeit hat sich geändert und mit ihr die Hannover Messe. Seit sie vor drei Jahren ein neues Gesicht bekam, ist sie zwar immer noch die "Mutter aller Messen", wie Goehrmann gern sagt, aber nicht mehr die "Messe aller Messen". Das "Schaufenster" zeigt nur noch einen Ausschnitt der Wirtschaft, am "Barometer" lässt sich nur noch ein Mikroklima ablesen.

Die Aussteller haben das so gewollt, denn ihnen liegt auf einer Messe am Geschäft und nicht am volkswirtschaftlichen Fiebermessen. So hat die Hannover Messe den Trend der Industrie nachvollzogen: Konglomerate zerfallen, man konzentriert sich auf die Kernkompetenzen. Die Hannover Messe ist auch ein Konglomerat, aber zerfallen darf sie nicht. Erstens wäre dann der werbeträchtige Status der größten Industriemesse der Welt dahin, und zweitens brauchen die spezialisierten Firmen mehr denn je ein Forum über die Grenzen ihrer Marktnischen hinweg. Also ist die Hannover Messe zur Holding geworden: ein gemeinsames Dach, darunter Töchter mit ausgeprägtem Eigenleben.

In diesem Jahr sind das die Automation - der unbestrittene Kern der Messe -, die Mikrosystemtechnik, Materialflusstechnik, Oberflächentechnik, Energie, Zulieferung und Werkstofftechnik sowie Forschung und Technologie. Jeder der sieben Bereiche trägt stolz den Titel "Weltmesse für. . ." und einen mehr oder weniger eingängigen englischen Namen. Die Aussteller sind zufrieden. Sie wollen die Fachleute auf ihren Ständen haben, und die bekommen sie dank des neuen Konzepts. "So lange die Kontakte stimmen, ist alles in Ordnung", sagt Brodtmann, der die Besucherzahl "ganz locker" sieht.

Das muss er auch, denn sie schrumpft. Mit einem Rückgang nach 1999 hatten die Veranstalter gerechnet, weil das neue Konzept keinen Platz für die Weltlichtschau ließ. Allein ihr rechnet Goehrmann immerhin 50 000 Besucher zu. Aber dann hätte die Zahl schnell wieder über die 300 000er-Marke steigen sollen. Das tat sie nicht. Nach 260 000 Besuchern im vergangenen Jahr rechnet Goehrmann für 2002 mit rund 230 000. Das ist eine Folge der Konjunktur, aber auch der Preis dafür, die Fachleute glücklich zu machen: Die anderen bleiben zu Hause, die öffentliche Aufmerksamkeit sinkt, Politiker suchen sich andere Bühnen.

Dabei haben mit der Elektronik und dem Maschinenbau immer noch "zwei der wichtigsten Werttreiber", wie Goehrmann sagt, ihren großen Auftritt in Hannover. Wer etwas über die Exportentwicklung wissen will, muss immer noch sie ansehen und nicht die weit populäreren Aussteller der Cebit. Für die Wettbewerbsfähigkeit und damit die künftige Wirtschaftsentwicklung dürften Roboter ebenfalls entscheidender sein als Handys mit Farbdisplay. So ist es kein Wunder, dass Goehrmann dann doch mit mangelnder Aufmerksamkeit hadert: "Das Potenzial müsste eigentlich größer sein."

Auch in schwierigen Zeiten bleibt Goehrmann optimistisch und glaubt jedenfalls an eine Eigendynamik der Hannover Messe. Wo so viele Entscheidungsträger versammelt sind, bilde sich eine gemeinsame Stimmung heraus.

Das wäre wahrscheinlich das Beste, was der Industrie passieren kann, denn zumindest bei den Verbänden sieht man nicht zuletzt psychologische Gründe für die aktuelle Wirtschaftsflaute. Die "weichen" Konjunkturdaten hätten nach den Terroranschlägen in den USA deutlich zu stark ausgeschlagen, sagt Brodtmann. Sein ZVEI-Kollege Graß sieht viele Bereiche noch unter den geplatzten New-Economy-Träumen leiden. "Eine erfolgreiche Hannover Messe", sagt er, "kann aktiver Motor der wirtschaftlichen Entwicklung der Industrie sein". Das wäre allemal besser als bloß ein Barometer.

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