Neues Insolvenzrecht hilft Molkerei in Sachsen-Anhalt
Das Planverfahren hat Elsterland gerettet

Der erste Gerichtstermin im Insolvenzverfahren der Elsterland Molkerei im Februar 2000 ist Horst Glahn noch in lebhafter Erinnerung: "Die Souveränität, mit der Insolvenzverwalter Eberhard Braun den Gläubigern den Insolvenzplan vorgetragen hat", so erinnert sich der damalige Geschäftsführer der Genossenschaft, "hat mich sehr beeindruckt".

JESSEN. Der Fall Elsterland war das erste Insolvenzplanverfahren, das in Eigenverantwortung - also unter Mitwirkung der Geschäftsführung - realisiert wurde. Glahn hat den aufreibenden Kampf um die Rettung der Molkerei im strukturschwachen Jessen in Sachsen-Anhalt miterlebt. Elsterland war mit 108 Mitarbeitern in der 8 000 Seelen-Gemeinde zweitgrößter Arbeitgeber.

Den Plan hatte Insolvenzverwalter Braun gemeinsam mit dem Management erarbeitet und bereits vor dem Insolvenzantrag Anfang 2000 fertiggestellt. Diesen Plan den Gläubigern schmackhaft zu machen, verlangt vom Insolvenzverwalter viel Geschick. "Man muss für den Plan regelrecht werben", erläutert Braun. Der Erfahrungsschatz des Juristen und Wirtschaftsprüfers aus der Kanzlei Schultze & Partner im baden-württembergischen Achern war aus Glahns Sicht Gold wert. Jedem, der in der Krise steckt, rät der 66-Jährige, nicht am Geld zu sparen und sich Experten zu holen.

Als Glahn Ende 1999 die Geschäftsführung bei der Bayerische Milchindustrie Beratung GmbH (BMI) übernahm, glaubte er noch an eine außergerichtliche Einigung mit den Banken. Die BMI verarbeitet die Molke von Elsterland und führte die Geschäfte der Genossenschaft. Die BMI mit ihren 120 Mitarbeitern wären beim Elsterland-Konkurs mit untergegangen. Eine außergerichtliche Lösung war letztlich nicht möglich: "Wir wären die Altlasten nicht losgeworden", stellt Glahn heute nüchtern fest.

Fehlinvestitionen des früheren Managements hatten Elsterland in die Schieflage gebracht, außerdem schuldete das Unternehmen dem Land Sachsen-Anhalt 2,8 Mill. Euro an Abwassergebühren. Die öffentliche Hand hatte zwar schon die Nachforderungen für die Jahre 1992 bis 1997 gestundet, durfte dem Unternehmen laut Braun aber aus rechtlichen Gründen nicht noch weiter entgegen kommen.

Gerade diese Verbindlichkeiten verhinderten die außergerichtliche Sanierung entscheidend, erinnert sich der Verwalter. Mit Hilfe des Insolvenzplanverfahrens schaffte Braun aber die Zerschlagung des Knotens. "Wir haben zu einem Trick gegriffen, den nur das Planverfahren ermöglichte", sagt er. Das Land Sachsen-Anhalt sei bei seinen Nachforderungen "im Rang zurückgetreten". Das heißt: Die Forderungen des Landes wurden hinter die der übrigen Gläubiger gestellt. Und beim Planverfahren gilt: "Alles, was am Ende des Verfahrens nicht plangemäß getilgt ist, muss erlassen werden", sagt Braun. Damit waren die Forderungen des Landes Sachsen-Anhalt verschwunden. Ein solches Geschäft wäre nach altem Konkursrecht unmöglich gewesen. Denn früher galt das Prinzip der "freien Nachforderung" - die Forderungen wären nicht erloschen.

Mit diesem Kunstgriff ebnete Braun den Weg für einen neuen Investor, der ohne den Schuldenerlass nicht eingestiegen wäre. Im Fall des Flugzeugbauers Fairchild Dornier konnte Braun kein Planverfahren durchsetzen, weil ein Käufer für das Unternehmen fehlte. "Es gab keine Basis für den Erhalt von Fairchild Dornier", erläutert Braun.

Im Fall Elsterland war das Planverfahren der einzige Weg, noch etwas zu retten. "Ohne Plan gäbe es die Elsterland Molkerei nicht mehr," resümiert Braun. 113 Bauern, wären in existenzielle Bedrängnis geraten, wenn mit der Insolvenz die Milchgeldzahlung ausgeblieben wäre.

Ein sicheres Fundament schuf sich die Molkerei im März 2001 mit der Gründung der Elsterland GmbH. An dieser Betreibergesellschaft beteiligten sich die BMI sowie die Humana Milchunion mit je 45 % und die Molkereigenossenschaft selbst mit 10 %. "Ich denke, es war eine wirklich gelungene Insolvenz, die Sinn gemacht hat", sagt Glahn heute im Rückblick über die Rettung von Elsterland. Die Arbeitsplätze konnten erhalten werden und in Jessen wächst die hohe Arbeitslosigkeit nicht noch einmal weiter.

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