Neues Schlagwort "Blended Learning": E-Learning ohne Betreuung funktioniert nicht

Neues Schlagwort "Blended Learning"
E-Learning ohne Betreuung funktioniert nicht

Die elektronische Weiterbildung ist entgegen anderslautender Erwartungen bislang nicht zum Selbstläufer geworden. Im Gegenteil. Bei den Experten ist die Erkenntnis gereift, dass E-Learning nur dann funktioniert, wenn ein Lehrer als Ansprechpartner zur Verfügung steht.

Anders als bei Ebbe und Flut, deren Regelmäßigkeit ein Synonym für Taktgenauigkeit ist, schwappen Modewellen mal hier, mal dort zuerst an den Strand. Gerade jetzt hat deutlich verspätet die Handymania die USA erreicht. Und so musste selbst Tom Peters, leicht füllig gewordener "Guru of the Gurus" (Fortune Magazine), ein häufigeres Klingeln, Summen und Piepsen aus dem abgedunkelten Saal des Orange County Convention Center in Kauf nehmen, während er bei ununterbrochenem Reden die etwa 60 Meter breite Bühne auf- und abtigerte.

Der Erfolgsautor und hemmungslose Selbstvermarkter sprach Anfang des Monats zu 12 000 versammelten Trainern, Personalentwicklern, Aus- und Weiterbildnern, Hochschullehrern, Personalmanagern und Studenten aus 82 Ländern, die die Jahreskonferenz der American Society for Training and Development (ASTD) in Orlando/Florida besuchten. Seine Botschaft: Da E-Learning einen kompletten Bruch mit vertrauten Strukturen und Lerngewohnheiten bedeutet, sei seine unverzichtbare Voraussetzung das "E-Forgetting", das Entlernen alter Verhaltensweisen.

Diese Botschaft hatten viele der Anwesenden - und vor allem der Referierenden in den rund 250 Workshops und Sessions - bereits verinnerlicht. Kaum jemand wollte mehr etwas vom euphorischen Aufbruch in ein neues Lernzeitalter wissen. Tom Peters aber ist nach wie vor davon überzeugt, dass Anfang 2003 90 Prozent der Trainings- und Personalentwicklungsangebote online stattfinden. Wobei allerdings das E-Learning-Universum im US-amerikanischen Verständnis weitaus mehr Galaxien aufweist als im europäischen. Es reicht von Fernstudien über CD-ROMs, interaktive TV-Lektionen, Videokonferenzen, Corporate Universities bis zu Satelliten-Lernprogrammen, virtuellen Lernnetzwerken und computerunterstützten Assessments.

Neues Schlagwort: "Blended Learning"

Für die anderen kaschierte ein neues Schlagwort die ernüchternden Erfahrungen mit dem angeblichen Selbstläufer E-Learning: "Blended Learning". Was wie bei manchen Whiskey-Sorten nichts anderes meint als eine Mischung; in diesem Fall die Kombination vom traditionellen Präsenzunterricht mit innovativen Lernformen wie Computer-based-Training (CBT), Web-based-Training (WBT) oder visualisierten Szenariotechniken. Oder, wie es die Allison Bossett, Professorin für elektronische Lernmittel an der San Diego State University auf eine Formel brachte: "Präsenzlernen ist nicht tot, aber die Seminarraumwände sind durchlässiger geworden."

Ein Hauptgrund für die Renaissance trainervermittelter Lerninhalte und begleitender Tutorials ist sicherlich, dass die Akzeptanz von E-Learning-Angeboten auch unter den technikbegeisterten und im Lern- und Arbeitsbereich mit deutlich mehr Computer-Arbeitsplätzen verwöhnten US-Amerikanern keine Selbstverständlichkeit ist.

Nach einer aktuellen Studie der ASTD und des MASIE-Centers, an der sich 22 Unternehmen und 714 Beschäftigte mit E-Learning-Erfahrungen beteiligten, entscheiden vor allem internes Marketing, technische Hilfe und Unterstützung durch das Management sowie der unmittelbar sichtbare Lernnutzen über die Akzeptanz. Elliott Masie, Präsident des in Saratoga-Springs, New York, ansässigen gleichnamigen Forschungsinstituts: "Obwohl wir wissen, dass es Broschüren, Prospekte, Telefonanrufe und persönlicher Werbung bedarf, um Interessenten in die internen und externen Präsenz-Weiterbildungsmaßnahmen zu locken, gibt es eine ebenso unverständliche wie dysfunktionale Tendenz, das Marketing für Online-Lernmodule sträflich zu vernachlässigen." Als besonders wirksames Mittel, um Weiterbildungs-Interessierte fürs E-Learning zu gewinnen, haben sich Äußerungen von Ex-Teilnehmern, schriftliche Einladungen und vor allem die persönliche Unterrichtung durch Trainer und Führungskräfte erwiesen.

E-Learning ist ein äußerst lukrativer Markt

Auch mit einem anderen Vorurteil räumt die Studie auf: Zwar sind zwei der unbestreitbaren Vorteile des E-Learning die Unabhängigkeit von Zeit und Raum sowie vom Gruppenlerntempo, doch die Lernenden hätten es gern am Arbeitsplatz (63,3 Prozent), in der Arbeitszeit (86,9 Prozent) und im Austausch mit Kollegen und Trainern (83,0 Prozent). Und dass die Teilnehmerquote (in Relation zur Zahl der Anmeldungen) bei freiwilligen E-Learning-Angeboten nur bei 32 Prozent, bei Pflichtveranstaltungen hingegen bei 69 Prozent liegt, vermag auch nur den zu überraschen, der von der E-Technisierung der Weiterbildung auch eine Revolution menschlichen Verhaltens erwartet hatte.

Gleichwohl: E-Learning in allen denkbaren Formen ist nach wie vor ein konzeptioneller Schwerpunkt für Trainer und Personalentwickler, Hochschulen sowie Weiterbildungseinrichtungen - und ein äußerst lukrativer Produktmarkt. Mehr als 650 000 E-Learning-Kurse werden derzeit auf dem US-Markt angeboten, dem bis 2003 nach einer Prognose der WR Hambrecht Company Research ein Volumen von 11,5 Milliarden US-Dollar zugetraut werden. Kein Wunder also, dass die ASTD als führender berufsständischer Verband (und selbst ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 26,4 Millionen Dollar Umsatz) diesen Markt in doppelter Weise bearbeitet.

Vorgestellt wurde auf der Jahreskonferenz ein Empfehlungs-Katalog an Unternehmen und Regierungsinstitutionen, mit dem die Nutzung von E-Learning-Angeboten gefördert, bestehende formelle Hindernisse beseitigt und der Nutzen für Beschäftigte maximiert werden soll. Und präsentiert wurde zum anderen ein neues ASTD-Zertifikat für E-Learning-Kurse, gleichsam ein TÜV-Stempel, mit dem unter den Gesichtspunkten Userbility, Web-Design und Lernhilfen der unüberschaubare Markt der E-Learning-Angebote ein wenig mehr Transparenz bekommen soll.

Hürden für Zertifikat sind niedrig

Allerdings sind die Maßstäbe für das Zertifikat eher formal - Inhalte werden nicht bewertet - und die Hürden niedrig. Denn schließlich will der ASTD damit auch Geld verdienen: Der Stempel kostet je nach Kurslänge zwischen 1 500 und 8 000 Dollar und muss bei jeder größeren Veränderung des Angebotes neu beantragt werden. Da kommen selbst bei vorsichtigen Schätzungen mehrere Millionen Dollar an Einnahmepotenzial zusammen.

Für die Anbieter von E-Learning-Kursen ist das in vielen Fällen gleichwohl eine quantité négliable. Denn die Produktionskosten für eine der Novitäten auf dem E-Learning-Markt lassen sich eher in TV-Spielfilm-Dimensionen messen. Die Rede ist von sogenannten "problembasierten Szenarien mit Filmeinspielungen oder Stillfotos". Da wird mit hohem Aufwand eine Managementsituation simuliert und mit Profischauspielern in Szene gesetzt, die den Probanden am PC nach dem Motto "Ein Tag im Leben des..." vor Multiple-Choice-Handlungsalternativen für sein Führungsverhalten stellt.

Ob richtig oder falsch gemanagt, sieht er dann unmittelbar an der Reaktion seines filmischen Gegenübers - und kann sich, wenn diese desaströs ausfallen, unmittelbar Lernhilfen und Management-Weisheiten seines Online-Tutors herunterladen. Wobei die Qualität der zur Wahl gestellten Multiple-Choice-Alternativen manchmal die 100-Mark-Frage bei "Wer wird Millionär" vergleichsweise als echte Wissenshürde erscheinen lässt.

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