Neues sicherheitspolitisches Machtzentrum im Nahen Osten
Türken und Israelis schmieden strategische Allianz

Israel und die Türkei proben den sicherheitspolitischen Schulterschluss: Ihre breit gefächerte Militärkooperation soll wenig freundlich gesinnte Nachbarn in Schach halten - und sich wirtschaftlich auszahlen.

TEL AVIV. Die Türkei und Israel haben ihre Militärkooperation in jüngster Zeit erheblich intensiviert. Damit entsteht im Nahen Osten ein neues Machtzentrum. Beide Länder, die auch eng mit Jordanien zusammenarbeiten, werden als nördlicher Schutzwall zur Absicherung der US-Interessen in der Golfregion betrachtet. Sollte es nun zu einem US-Angriff auf den Irak kommen, dann würde diese Achse ihrem ersten ernsthaften Test unterzogen. So sieht es jedenfalls die Tel Aviver Irak-Spezialistin Ofra Bengio.

Der in Ankara lehrende türkische Militärexperte Mustafa Kibaroðlu wertet diese Zusammenarbeit im militärischen Bereich, die bereits 1996 vereinbart wurde, zwar nicht als Bündnis im klassischen Sinn. Aber: "Die Kooperation könnte auf Grund des gemeinsamen offensiven und defensiven Potenzials ein Niveau erreichen, wie es in der Regel nur Allianzen anstreben".

Diese strategische Kooperation basiert auf der gemeinsam wahrgenommenen Bedrohung durch Syrien, Iran, den Irak und den islamischen Fundamentalismus. Und beide Ländern lehnen sich stark an die USA an. In der Praxis besteht u.a. eine enge Zusammenarbeit der Nachrichtendienste. Und sollte Ankara einwilligen, könnte Israels Luftwaffe im Falle eines Krieges gegen den Irak Angriffe von türkischen Stützpunkten aus fliegen. Israel könnte ferner Luftabwehrsysteme in der Türkei stationieren. Voraussetzung ist hier allerdings die Zustimmung Washingtons, US-Technologie an die Türkei weitergeben zu dürfen.

Das Motiv für den sicherheitspolitischen Schulterschluss beider Staaten war fast zwangsläufig der Golfkrieg 1991. Und mit dem Start des inzwischen zumindest vorübergehend gescheiterten israelisch-palästinensischen Friedensprozesses werteten die Türkei und Israel auch ihre diplomatischen Vertretungen zu Botschaften auf. Der bilaterale Handel wuchs schnell, gerade im Rüstungsbereich.

Seit dem Golfkrieg darf neben den USA und anderen Nato-Partnern auch Israel seine Kampfpiloten im türkischen Luftraum trainieren lassen. Ferner gab es bereits gemeinsame Manöver der israelischen, türkischen und US-amerikanischen Luftwaffen. Auch die türkischen und israelischen Seestreitkräfte üben gemeinsam.

Das Militärabkommen mit Israel kommt natürlich Ankaras ehrgeizigem Rüstungsprogramm zu Gute. So werden z.B. Kampfflugzeuge der Typen F-4, F-5 und F-16- in Israel modernisiert. Kürzlich wurden 54 Drohnen (unbemannte Flugzeuge) an die Türkei geliefert, weitere sollen in den nächsten zwei Jahren verkauft werden. Ankaras Aufträge an Israels Rüstungsindustrie sollen bis jetzt ein Volumen von insgesamt mehr als 1 Mrd. $ erreicht haben.

Im Rahmen der bilateralen Militärkooperation muss auch das Wassergeschäft betrachtet werden, das Israels Premier Ariel Scharon und der türkische Energieminister Zeki Cakan kürzlich in Jerusalem unterzeichneten. Danach wird die Türkei im Verlauf der nächsten zwei Dekaden jährlich 50 Mill. Kubikmeter Wasser nach Israel liefern. Der Preis ist allerdings doppelt so hoch wie jener für Wasser, das aus Israels Entsalzungsanlagen gewonnen wird. Israel willigte denn auch erst in den Handel ein, nachdem die Türkei gedroht hatte, den Kauf von Rüstungsgütern einzuschränken. "Die israelischen Verbraucher bezahlen über den Preis für Wasser indirekt die strategische Zusammenarbeit mit der Türkei", heißt es daher in Tel Aviv.

Parallel zu den israelisch-türkischen Beziehungen ist auch die Kooperation zwischen Amman und Ankara enger geworden. Jordanische Piloten werden in der Türkei ausgebildet und dürfen zu Übungszwecken ebenfalls den türkischen Luftraum nutzen.

Im Irak sei man über die strategische Partnerschaften "sehr beunruhigt", weiß Ofra Bengio. So verurteilte Iraks Außenminister Muhammad Said al-Sahaf die israelisch-türkischen Marinemanöver als "Provokation der arabischen Nation". Und in gewohnter Tonart forderte Bagdad Ankara auf, nicht den Interessen der "amerikanisch-zionistischen Allianz" zu dienen. Die Furcht ist aus Bagdads Sicht verständlich: Die Türkei und Israel haben zusammen ein Sozialprodukt, das größer ist als die Wirtschaftsleistung aller anderen Länder in der Region. Zusammen verfügen sie über 7 900 Panzer und mehr als 1 000 Kampfflugzeuge - der Irak hat "lediglich" 2 000 Panzer und 180 Kampfjets.

Quelle: Handelsblatt

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