Neues Verhältnis zwischen Banken, Politik und Unternehmen
Kommentar: Abschied von der Deutschland AG

Der Frankfurter Baukonzern Holzmann ist pleite, während das Tauziehen um die Zukunft der Münchener Mediengruppe Kirch weitergeht. In beiden Konflikten sitzen die Banken auf der Anklagebank - Politik, Gewerkschaften und Unternehmervertreter schieben in seltener Einmütigkeit der Kreditwirtschaft die Verantwortung für die Eskalation der Krisen in die Schuhe. Zu Unrecht: Wer sich die Beurteilung so einfach macht, hat offenkundig nicht begriffen, dass die Zeiten des Hinterzimmer-Klüngels zwischen Hochfinanz, Politik und Industrie vorbei sind. Markt und Wettbewerb haben gewonnen. Mit dem Holzmann-Konkurs ist für die Abschiedsvorstellung der Deutschland AG der Vorhang gefallen, freilich ohne jeden Applaus aus dem Publikum.

Wer sich die Forderungen ansieht, die in diesen Tagen an die Banken gerichtet werden, stellt fest, dass vielen dieser Paradigmenwechsel noch nicht aufgefallen ist. Die einen fordern, die Banken müssten den Unternehmen mehr und billigere Kredite gewähren. Wenn dadurch die Risiken steigen und die Gewinne der Kreditinstitute sinken, wenn Tausende Bankarbeitsplätze abgebaut werden müssen, gelten die Banker als schlechte Manager. Gleichzeitig sollen die Banken natürlich möglichst hohe Steuern zahlen, damit Städte wie Frankfurt nicht in Haushaltsnot geraten - der Dreifachrolle, gleichzeitig den Mittelstand subventionieren zu müssen, eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Bauarbeiter und Bankangestellte zu sein sowie die Staatskasse zu füllen, können die Banken aber nicht mehr gerecht werden.

Der zugespitzte Wettbewerb - nicht nur unter den Banken, sondern auch unter den Kreditnehmern - und die dramatische Ertragskrise hat in den Chefetagen der Kreditinstitute zu einem Umdenkungsprozess geführt. Jeder ist sich selbst der Nächste, jeder muss zunächst einmal die eigenen Probleme in den Griff bekommen. Keiner will sich mehr unnötig in waghalsige Gemeinschaftsabenteuer stürzen wie 1999, als Bundeskanzler Gerhard Schröder das Holzmann-Machtwort sprach. Aus diesem Grunde gab es weder bei Holzmann noch bei Kirch eine einheitliche Banken-Front. Wenn es bei Kirch doch noch zu einem Zusammenraufen der Banken kommen sollte, dann nur, weil jedes beteiligte Institut für sich selbst entscheidet, welche der Lösungen das kleinere Übel ist.

Holzmann ist nicht auf Grund des Widerstands der Banken zahlungsunfähig geworden, sondern weil der Baukonzern nicht alle beteiligten Kreditinstitute davon überzeugen konnte, dass in absehbarer Zeit kostendeckende Aufträge zu einer nachhaltigen Verbesserung der Ertragslage führen würden. Es wurde nicht gemauschelt, um das Ende des Bauriesen noch einmal in die Länge zu ziehen, sondern es wurde kühl kalkuliert - und das ist volkswirtschaftlich gut so.

Nach der Schätzung von Creditreform wird es dieses Jahr 40 000 Unternehmenspleiten geben. Hunderttausende von Arbeitsplätzen werden verloren gehen, Hunderte von Millionen Euro an Krediten werden nicht zurückgezahlt werden. Das ist ein für alle Beteiligten schmerzlicher, aber unvermeidbarer Teil des Strukturwandels. Wenn es nun niemanden mehr gibt, der unter dem Deckmantel Deutschland AG versucht, diesen Prozess zu steuern oder aufzuhalten, ist das ein Gewinn für alle, die in der puren Erhaltung des Status quo nicht ihr Lebensziel sehen.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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