Neuguss nötig
Frauenkirchen-Glocken klingen schräg

In den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche hat sich im wahrsten Wortsinn ein Missklang eingeschlichen. Die Klangprüfung der im baden-württembergischen Bad Friedrichshall gegossenen sieben Glocken hat nur der Friedensglocke "Jesaja" die erwartete Qualität bescheinigt.

HB/dpa DRESDEN/BAD FRIEDRICHSHALL. Die anderen sechs Geläute müssen dagegen so schnell wie möglich neu gegossen werden, um den Termin der Glockenweihe am 4. Mai in Dresden einzuhalten.

Der Grund sei ein bisher noch nie aufgetretenes Phänomen, teilte die Glockengießerei A. Bachert mit. "Der wichtige Prinzipalton Prim ist zwei Mal zu hören", sagte Christiane Bachert, die Verwaltungschefin des kleinen Unternehmens. Dabei liege die zweite Prim in einem geringen Frequenzabstand zur ersten. "Eine klingt, wie sie klingen soll, der andere Ton ist dagegen unangenehm höher", sagte sie. Die Prinzipaltöne Prim, Terz, Quint sowie der Ober- und Unterton gelten als Klanggerüst einer Glocke.

Der Grund für den Missklang ist bereits ausgemacht: Die Verzierungen auf der Außenhaut der sechs Glocken sind zu großflächig und zu erhaben. "Sie sind mindestens um Millimeter, fast schon um Zentimeter zu hoch", sagte Bachert. Nun soll in Zusammenarbeit mit dem verantwortlichen Künstler Christoph Feuerstein eine weniger massive Außenverzierung auf die Glocken aufgebracht werden.

Dabei war der Guss im Dezember planmäßig verlaufen. Als die künftigen bronzenen Könige der Frauenkirche im Januar aus ihrem kühlenden Erdmantel befreit worden waren, galt ihre Herstellung als gelungen. Die Klangprobe Anfang Februar habe jedoch das Dilemma hörbar gemacht. Als drei Sachverständige am 10. Februar vor Ort waren, um selbst zu lauschen, hatte Chef Albert Bachert bereits die Entscheidung getroffen, die sechs missratenen Glocken neu zu gießen.

In der sieben Generationen umfassenden Familiengeschichte der Glockengießer Bachert ist ein derartiger "Unfall" nicht verzeichnet. Die aufgetretene Panne ist einzigartig. Fachleute hätten zwar theoretisch ein solches Missgeschick für möglich erachtet, bislang sei es praktisch aber noch nie aufgetreten, hieß es in einer von der Gießerei verbreiteten Pressemitteilung. Die Formen und Schablonen für die Glocken mit den Namen Johannes, Jeremia, Josua, David, Philippus und Hanna müssen nun vollkommen neu erstellt werden.

"Das Klangbild einer Glocke ist von ihrem Profil abhängig", sagte Christiane Bachert. Da die Oberflächenreliefs diesen Querschnitt, die so genannte Rippe, veränderten, habe das Einfluss auf den Klang. Nur die etwa 1,7 Tonnen schwere Glocke, die den Namen des Propheten Jesaja trägt, hat offenbar auf Grund ihrer Größe und ihres Gewichtes die Verzierungen "geschluckt", ohne dass ihr Klang verfälscht wurde.

"Festgemauert in der Erden steht die Form, aus Lehm gebrannt" muss es daher noch ein zweites Mal heißen. Alle Beteiligten - das Unternehmen mit seinen 20 Mitarbeitern und die Stiftung für den Wiederaufbau des Gotteshauses - wollen die wichtigen Termine von Vorstellung und Weihe der sieben Glocken Anfang Mai halten. Bis dahin sollen die Misstöne ausgeräumt sein und nichts mehr dem erstklassigen Klangbild im Gotteshaus im Wege stehen. Immerhin gilt auch der Wiederaufbau der durch Bombenangriffe im Februar 1945 zerstörten Kirche als einzigartiges Phänomen.

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