Neun-Monats-Bericht nur noch Makulatur
98 Prozent des Comroad-Umsatzes erfunden

Nach der mutmaßlichen Vortäuschung von Geschäftsbeziehungen in Asien schließt der Telematik-Anbieter Comroad eine Insolvenz des Unternehmens nicht aus. Es sei völlig ungeklärt, welche Forderungen auf Comroad zukämen oder wie die Ausstattung mit Eigenkapital sei, sagte ein Sprecher des am Neuen Markt gelisteten Unternehmens am Mittwoch.

Reuters MÜNCHEN.Es sei völlig ungeklärt, welche Forderungen auf Comroad zukämen oder wie die Ausstattung mit Eigenkapital sei, sagte ein Sprecher des am Neuen Markt gelisteten Unternehmens.

"Ich weiß nicht, was da noch kommen kann. Eine Insolvenz ist nicht ausgeschlossen", sagte er. Der Neun-Monatsbericht 2001, der ein Eigenkapital von 88,6 Millionen Euro ausgewiesen hatte, sei offenbar Markulatur.

Im Februar hatte Comroad liquide Mittel von 30 Millionen Euro ausgewiesen. Eine am Mittwoch veröffentlichte Sonderprüfung der Nürnberger Wirtschaftsprüfer Rödl & Partner hatte nur 1,3 Millionen Euro der für 2001 angegebenen Umsatzerlöse in Höhe von 93,6 Millionen Euro nachweisen können - eine Differenz von sage und schreibe 98 Prozent.

Es bestehe daher der Verdacht, dass Scheinrechnungen erstellt und Eingangsrechnungen fingiert worden seien, die dann als Umsatz, Wareneinsatz beziehungsweise geleistete Anzahlungen im Jahresabschluss 2001 ausgewiesen wurden.

Die Wirtschaftsprüfer rechnen angesichts bevorstehender Insolvenzen einzelner Beteiligungsgesellschaften mit einem hohen Wertberichtungsbedarf bei Comroad. Darüber hinaus könnten sich aus bestehenden Verträgen und eingegangenen Bürgschaften mögliche finanzielle Verpflichtungen für den Telematikanbieter ergeben.

Der Unternehmensgründer und frühere Vorstandschef von Comroad, Bodo Schnabel, sitzt derzeit wegen des Verdachts des Kursbetrugs in Untersuchungshaft.

Die drastische Bilanzkorrektur ist nach Einschätzung von Aktionärsschützern der schwerste Betrugsfall in der Geschichte des Neuen Marktes. "So etwas krasses habe ich noch nie erlebt", sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Eine Schadenersatzklage gegen den ehemaligen Vorstandschef Bodo Schnabel werde geprüft, kündigte Bergdolt an. Die Ergebnisse der Sonderprüfung sprächen dafür, dass das Management mit krimineller Energie gehandelt habe.

Comroad hat nach eigenen Angaben noch liquide Mittel von 26 Millionen Euro. "Wir haben derzeit 26 Millionen Euro", sagte Comroad-Vorstand Hartmut Schwamm der Nachrichtenagentur Reuters.

Damit nicht genug: In Zusammenhang mit einer Ad-hoc-Meldung des am Frankfurter Neuen Markt notierten Unternehmens hat das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe) eine Voruntersuchung wegen möglichen Insiderhandels mit Aktien eingeleitet. Das bestätigte die Sprecherin der Behörde, Regina Nößner, der "Berliner Zeitung".

Untersucht werden nach Angaben von Nößner auffällige Comroad-Aktien-Verkäufe unmittelbar vor einer Börsenpflichtmitteilung der Firma am 20. Februar diesen Jahres. Damals hatte die Firma bekannt gegeben, dass die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ihr Mandat bei Comroad gekündigt hat. Es gebe in diesem Zusammenhang "Anhaltspunkte für Insidergeschäfte", sagte Nößner der "Berliner Zeitung". Ein "konkreter Verdacht" gegen einzelne Personen existiere jedoch nicht.

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