Neun Tote in Deutschland
Flutkatastrophe erfasst immer mehr Bundesländer

Die Flutkatastrophe in Deutschland und Tschechien verwüstet immer größere Landstriche und stürzt immer mehr Menschen in Verzweiflung. Zehntausende sind aus ihren Häusern vertrieben, ihre Existenzen zerstört, Städte stehen unter Wasser, die Schäden erreichen Milliardenhöhe. Am Mittwoch überschwemmte die Jahrhundertflut Sachsen-Anhalt. In Dresden kämpften zehntausende Menschen gegen die Überschwemmung, aus Tschechien rollte eine neue Elbe-Flut an.

HB HAMBURG/BERLIN/PRAG. Die Donaustadt Regensburg wurde von einer Flutwelle erfasst. Die Bundesregierung beschloss für die Opfer in Deutschland ein Hilfspaket von 400 Mill. Euro. Bundeskanzler Gerhard Schröder, der am Mittwoch ins sächsische Krisengebiet fuhr, sagte: "Ich habe Wasserschäden dieses Ausmaßes in meinem Leben noch nicht erlebt." Er forderte einen nationalen Kraftakt.

Meteorologen gingen nach Berechnungen der tschechischen Behörden von einer dramatischen Verschlimmerung der Situation für Ostdeutschland in den kommenden Tagen aus. Am Mittwochabend stieg die Angst vor der zerstörerischen Kraft der Fluten und Deichbrüchen besonders in Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Nach dem Anschwellen der Mulde bei Dessau und im Kreis Bitterfeld rauschen nun auch in der Elbe Wassermassen heran. Im Raum Bitterfeld arbeiteten Einsatzkräfte mit Hochdruck daran, den Deich bei Greppin mit Sandsäcken zu sichern, der einen Chemiepark vor den Fluten schützen soll.

Kanzler Schröder (SPD) rief zu einer nationalen Anstrengung zur Überwindung der Katastrophe auf. Es sei eine Sache für ganz Deutschland, die Schäden zu reparieren. Bundespräsident Johannes Rau sagte in der ARD -"Tagesschau": "Die Hauptsache ist, dass es jetzt viele Helfer gibt." In Sachsen starben mindestens 8 Menschen bei den Unwettern, und 95 wurden verletzt. Von der Versorgung abgeschnittene Orte im Erzgebirge sollten voraussichtlich erst in der Nacht zum Donnerstag wieder erreichbar sein. Auch in Baden-Württemberg wurde nach Überschwemmungen in den vergangenen Tagen ein Ertrunkener gefunden. Wissenschaftler sehen in den Regenfluten Vorboten des Klimawandels. Unwetter und Umweltpolitik entwickeln sich derzeit zum hitzig diskutierten Wahlkampfthema.

Dessau: Mehr als 700 Helfer im Einsatz

Die Wassermassen bahnten sich in Sachsen-Anhalt unaufhaltsam ihren Weg: Im Landkreis Bitterfeld trat die Mulde bereits über die Ufer und überschwemmte die Orte Jeßnitz und Raguhn. Eine Evakuierungsaktion für 7000 Bewohner war am Vorabend angelaufen. In den Katastrophen- Zonen Dessaus waren mehr als 700 Helfer im Einsatz. Dort schwoll die Mulde auch am Abend weiter an, es gab einen Dammbruch. Auch im weiteren Verlauf der Elbe, etwa in Magdeburg, begannen die Behörden, sich auf eine mögliche Katastrophe vorzubereiten. Auf Brandenburg rollten die Wassermassen der Elbe ebenfalls zu. Nach Angaben von Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) werde die "Wucht des Ereignisses" vermutlich größer sein als bei der Oderflut von 1997.

Auch Dresden, Pirna und die Sächsische Schweiz rüsteten sich gegen neue Fluten. In Sachsen sollten am Donnerstag Tornados der Luftwaffe mit ihren Spezialkameras bei der Ermittlung der Überschwemmungsschäden helfen. Die Bundeswehr bereitete sich darauf vor, mehrere Krankenhäuser Dresdens zu evakuieren. Der Krisenstab der Stadt wollte am Abend über die Großaktion entscheiden. Ein Airbus und andere Maschinen wurden in die Stadt verlegt, teilte das Verteidigungsministerium mit.

Die US-Streitkräfte wollen Deutschland bei der Rettung und Bergung in den Hochwassergebieten helfen. Ein solches Angebot übermittelte der US-Botschafter in Berlin, Daniel Coats. Auch Polen bot Hilfe an.

Regensburg: Befürchtete Katastrophe ausgeblieben

Im bayerischen Regensburg stieg die Donau am Mittwoch viel schneller als erwartet. Die Stadt wurde von einer riesigen Hochwasserwelle erfasst, die befürchtete Katastrophe blieb jedoch aus. Entlang des Donauufers wurden Straßen und Plätze überflutet. Einen befürchteten Dammbruch konnten die Hilfskräfte im Dauereinsatz verhindern.

Weite Teile Prags standen am Mittwoch unter Wasser, allerdings schien die historische Altstadt nicht den befürchteten Schaden genommen zu haben. Der Pegel der Moldau stagnierte am Mittag. Eine völlige Entwarnung konnte jedoch nicht gegeben werden. In Prag ließ die Feuerwehr weitere Bezirke evakuieren. Davon waren auch viele Hotels mit Touristen betroffen. Während sich im südböhmischen Raum Budweis die Lage langsam entspannte, wurde es in der nordböhmischen Grenzregion zu Sachsen am Abend immer kritischer. Bislang starben bei den Überschwemmungen in Tschechien 10 Menschen. 200 000 mussten aus ihren Wohnungen in Sicherheit gebracht werden.

Aus Sorge vor neuen Unwettern ließen die Behörden an der südrussischen Schwarzmeerküste Badestrände und Zeltplätze räumen. Das örtliche Wetteramt warnte dort vor einem Wirbelsturm. Nach den Unwettern der vergangenen Woche stieg die Zahl der geborgenen Todesopfer am Mittwoch auf 62. Mindestens 15 Menschen wurden vermisst.

Österreich: Das Schlimmste ist vorbei

In Österreich schien hingegen das Schlimmste überstanden. In den überschwemmten Regionen entstanden Milliardenschäden. Die österreichische Bundesregierung wird den Opfern als Soforthilfe 650 Mill. Euro zur Verfügung stellen. Überraschend schnell entspannte sich in der Nacht auch die Situation im bayerischen Passau. Im Freistaat blieb der Katastrophenalarm in zahlreichen Landkreisen und Städten bestehen.

Im Mittelpunkt des vom Bundeskabinett in Berlin beschlossenen 12- Punkte-Hilfsprogramms stehen rund 100 Mill. Euro Sofort- Unterstützung für jene Opfer, die Hab und Gut verloren haben. Die weiteren Mill. kommen unter anderem durch zinsgünstige Kredite, Sach- und Arbeitsleistungen zusammen. Kanzler Schröder rief zu Spenden auf.

Wissenschaftler sehen in den Unwettern ein Zeichen des Klimawandels und einen Hinweis auf globale Erwärmung. "Das Wetter hat uns mit dem Regen der vergangenen Wochen nur einen Vorgeschmack darauf gegeben, was in 50 Jahren ganz alltäglich sein wird", sagte der Hamburger Klimaforschers Mojib Latif.

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