Neuorientierung wird die Zahl der Modelle verdoppeln
Künftig lässt Volkswagen keine Nische aus

Die neue Volkswagen-Konzernstruktur wird weit reichende Konsequenzen in der Modellpolitik haben. Der designierte Vorstandschef Bernd Pischetsrieder plant eine tief greifende Entflechtung der Fahrzeugpalette, mehr an zusätzlichen Nischenmodellen und klarere Markenprofile.

HB WOLFSBURG. Nun ist die neue VW-Konzernstruktur offiziell. Die Grundzüge mit den beiden Markensäulen "klassisch" und "sportiv" sollen für mehr Schwung in Wolfsburg sorgen. Die stärksten Konsequenzen sind in einer veränderten Modellpolitik zu erwarten.

Der designierte VW-Chef Bernd Pischetsrieder hatte schon im Vorfeld der Neuordnung des Volkswagen-Konzerns darauf hingewiesen, dass er Überschneidungen unter den Modellen der Konzern-Marken abbauen will. Vor allem aber muss er Lücken im Programm schließen. Nach seiner Auffassung deckt die gesamte Modellpalette des VW-Konzerns nicht mehr als 65 % des Marktes ab. 85 % sind jedoch für einen global operierenden Vollsortimenter erst zufrieden stellend.

Der neue Chef will das Modellportfolio sortieren

Pischetsrieder wird zunächst das von Noch-Amtsinhaber Ferdinand Piëch angehäufte Modellportfolio neu sortieren und die Markenprofile schärfen. Daran soll sich der Kunde besser orientieren können. Kannibalisierungseffekte sollen zukünftig vermieden werden. Nur eine intelligente Modulstrategie macht es möglich, das Angebot in den nächsten fünf Jahren von derzeit 50 Modellen auf 100 zu verdoppeln. Dass dabei die Nischen- und Lifestyle-Fahrzeuge zunächst Priorität haben, ist dem neuen Herrn in Wolfsburg natürlich klar. Zu viele Marktanteile sind auf diesen Gebieten in den vergangenen Jahren kampflos der Konkurrenz überlassen worden.

Der im nächsten Jahr debütierende Golf-Minivan ist längst überfällig. Bis zu seinem Erscheinen haben die Marktführer Renault (Scénic) und Opel (Zafira) bereits mehrere 100 000 Fahrzeuge dieser Spezies verkauft. Auch bei den Geländewagen finden sich nur weiße Flecken in der VW-Konzern-Landschaft. Dem Luxus-Offroader Colorado werden in den nächsten Jahren folgerichtig kleinere Brüder zur Seite gestellt.

Roadster auf Polo-Basis für junge Einsteiger

Pischetsrieder strebt auch bei den Trend- und Freude-am-Fahren-Autos eine größere Marktteilnahme an. Der Seat Tango soll spätestens zur Frischluftsaison 2003 zwar sparsamer ausgestattet, aber optisch identisch mit der auf der Frankfurter Automobilausstellung IAA gezeigten Studie für 20 000 Euro an den Start gehen. Auf Polo-Basis rollt zeitversetzt und im Preis deutlich günstiger (15 000 Euro) ein kleiner Roadster für die junge Einsteigergemeinde in den Handel.

Vorreiter einer neuen Verkaufsoffensive mit offenen Autos wird das neue Beatle-Cabrio im Spätsommer 2002 sein. Es muss die Cabrio-Fahne der Marke VW so lange hoch halten, bis der neue offene Golf zwei Jahre verspätet 2004 auf den Markt kommt. Der Grund für die Verzögerung: Ferdinand Piëch und Bernd Pischetsrieder haben sich schon vor geraumer Zeit für ein Metallklappdach (statt eines Stoffverdecks) entschieden, was zusätzliche Entwicklungszeit erforderte.

Seat Cordoba Vario bleibt ohne Nachfolger

Während oberhalb der Golf-Klasse noch Lücken klaffen, stehen sich in der Mittelklasse und bei den Kleinwagen die Modelle gegenseitig auf den Füßen. Für den Seat Cordoba Vario (die Kombiversion des Ibiza) wird es keinen Nachfolger geben. Und vom neuen Polo könnte eine Hochdachvariante sinnvoller sein als eine Kombiversion. Eine Klasse höher steht der teure Bora Variant wie Blei in den Schauräumen, während sich der nahezu baugleiche, aber preisgünstigere Golf Variant verkauft wie warme Semmeln.

Im Rahmen der Höherpositionierung der Marke VW bekommen auch die klassischen Limousinen unterhalb des künftigen Luxusmodells D1 eine stärkere Position. Der Passat-Nachfolger wird in Länge wie Breite wachsen. Als kompakter D1 wird er dem neuen Flaggschiff der Marke wie aus dem Gesicht geschnitten sein und folglich repräsentativer auftreten. Dagegen dürfte der Bora deutlicher als bisher vom Golf abrücken und eine eigenständige Baureihe à la Mercedes C-Klasse bilden.

Schärfung der Markenprofile

Unter diesen Aspekten wird Skoda seiner Rolle als Einsteigermarke in der Konzernhierarchie wieder gerecht. "Es darf kein Zweifel daran bestehen", so Pischetsrieder, "dass der nächste VW Passat von seinem ganzen Habitus her einen anderen Kundenkreis anzusprechen hat als der Skoda Superb". Skoda kommt im nächsten Jahr mit dem Superb auf den Markt; ein Modell, das von seinen Dimensionen an den VW Passat erinnert.

Die Schärfung der Markenprofile ist denn auch Pischetsrieders vordringlichste Aufgabe. Bei Audi führte dieses Phlegma zuletzt zu Imageverlusten. Der neue Chef, Martin Winterkorn, muss die Marke durch mutiges Design und extravagante Fahrzeugkonzepte wieder auf sportlichen Avantgarde-Kurs trimmen und damit auf Distanz gehen zur klassischen Marke VW.

Der von Alfa-Romeo geholte Seat-Chefdesigner Walter de Silva könnte dabei eine Schlüsselrolle übernehmen. Der Weg nach Wolfsburg als oberster Kreativer des Konzerns scheint vorgezeichnet.

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