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New Economy: Die Daniel Düsentriebs haben ausgedient

Sind die Innovatoren müde geworden? Latschen die einstigen Schrittmacher der New Economy nur noch vorsichtig in den ausgetreten Pfaden ihrer Vorgänger der Entwicklung hinterher?

Selbst die Vorzeige-Modelle der deutschen Internet-Szene, die Samwer-Brüder Oliver, Marc und Alexander, verscherbeln heute über www.jamba.de schnöde Klingeltöne und Logos für Handys aus dem Internet - eine simple Idee, auf die auch andere hätten kommen können (und längst gekommen sind). Und später wollen sie - wie revolutionär - noch Tickets und ähnliches per Handy verkaufen. Selbst das Loblied auf das Handy als das zukünftige Internet-Zugangsgerät Nummer Eins hat man schon mal irgendwo gehört. Früher, ja früher, in den guten alten Zeiten, da hatten die Samwers hierzulande mit dem Auktionskanal Alando, dem heutigen deutschen Ebay, noch ziemliches Neuland betreten.

Ist also das Ende der Innovationskultur gekommen? Nicht so schnell. Aber das Internet ist eben ziemlich erwachsen geworden. Da ändert sich auch der Begriff der Innovation. Natürlich könnte man noch heute eine unglaublich innovative virtuelle Knoblauchpresse erfinden, ein Web-Portal drum herum aufbauen und mit Bannerwerbung finanzieren. Vielleicht ist sogar die Domain noch frei. Nur wird sich kaum noch ein Geldgeber für diese tolle Idee finden lassen.

Da ist es einfacher und erfolgversprechender zu schauen, wo denn schon ein Markt existiert. Als jetzt Millionen frisch gebackener Handybesitzer pünktlich zum Fest ihre Weihnachtsgrüße per SMS - Short-Message-Service - loswerden wollten, brachen bei den Mobilfunk-Anbietern erst die Netze zusammen und dann das Chaos aus. Nichts ging mehr. Erst am Dienstag normalisierte sich der Markt langsam wieder für die längst nicht mehr nur bei Jugendlichen beliebten Kurz- und Spaß-Nachrichten, die man sich sogar von einer Ecke des Stammtischs zur anderen senden kann. Jux und gute Laune für 39 Pfennig. Nicht gerade innovativ, aber lustig. Gut 50 Millionen klingelnde Handys auf dem Weg zum feuerroten Spielmobil und auf der verzweifelten Suche nach billigem Entertainment. Der Markt ist da, die Produkte sind da, warum also was Neues erfinden - gebt den Leuten doch einfach, was sie haben wollen.

Das innovative ist also nicht die eigentliche Geschäftsidee. Hier wird auf Bewährtes zurück gegriffen. Es ist mehr das Businessmodell. Bislang schiebt der Einzelhandel zwar zu Millionen die kleinen bimmelnden Krawallwürfel gegen eine - üppige - Einmal-Provision über den Ladentisch, doch dann ist der Kunde weg. Die restliche Wertschöpfung über viele Jahre hinweg teilen sich Telekom, Vodafone und Co. auf der Gebührenseite und zunehmend AOL, Yahoo and Friends auf der Inhalte-Seite. Der Handel geht leer aus. Jamba gehört jetzt zu je 15 % dem Handy-Vertreiber Debitel und der Media Holding GmbH. -Saturn Zehn Prozent hält die Electronic Partner Verbundgruppe. Weitere 35 % warten bei einem Treuhänder auf Interessenten. Seit Mitte Oktober ist jamba online und zählt laut Alexander Samwer derzeit im Schnitt 5 000 Neukunden täglich und kommt auf eine Nutzung von 200 000 Minuten pro Woche. Das ist noch nicht die Welt, aber ein guter Anfang. Der eigenliche Trick liegt im Handy als solchem. Da es - und damit der Nutzer und der Handy-Verkäufer - eindeutig identifizierbar ist, stünde einer entsprechenden anteiligen Abrechnung aller Dienste, von Werbeeinnahmen über Transaktionsgebühren bis hin zu Ticketverkäufen, nichts mehr im Wege. Eine lukrative Herausforderung für den Handel. Dafür kann man sich auch mal mit den großen Platzhirschen wie Telekom und Vodafone anlegen.

Die selbstvergessenen Daniel Düsentriebs der New Economy haben ausgedient. Man mag das bedauern oder nicht. Heutige Innovatoren müssen nicht nur von Anfang an die Werthaltigkeit ihrer Idee glaubhaft belegen können. Sie müssen sich auch oft genug von Beginn an gegen harte Konkurrenz durchsetzen. Die gleiche Idee haben wie andere, sie aber besser und nachhaltig umsetzen. Auch so können sich Schrittmacher beweisen.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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