New Orleans
200 Meilen ins Wahllokal

Gut sieben Monate nach den Wirbelstürmen stehen am Samstag die ersten Bürgermeisterwahlen im ramponierten New Orleans an. Ursprünglich sollte der neue Bürgermeister schon im Februar gewählt werden, doch angesichts der Zerstörung und der zerrütteten Infrastruktur verschoben die Behörden den Termin auf April.

HOUSTON. Kurz hinter der Grenze zwischen Texas und Louisiana beginnt für Gilda Burbank und Elaine Stovall der lange Weg zurück zur Normalität. Seit Hurrikan "Katrina" die beiden Frauen aus New Orleans vertrieb, leben sie in Texas. Doch an diesem Morgen haben sie mit einem Shuttlebus die zweistündige Reise von Houston nach Louisiana angetreten, um den neuen Bürgermeister ihrer Heimatstadt zu wählen. "Zur Not wäre ich zu Fuß bis New Orleans gelaufen, sonst wäre ich ja auch eine schlechte Bürgerin", sagt die 62-jährige Stovall. "Das ist der Anfang des langen Prozesses, unser Leben zurückzuerobern", ergänzt Burbank.

Gut sieben Monate nach den Wirbelstürmen stehen am Samstag die ersten Bürgermeisterwahlen im ramponierten New Orleans an - unter ausgesprochen widrigen Bedingungen. Die Wahlberechtigten sind in alle Himmelsrichtungen zerstreut, und auf eine Briefwahl wollen sich viele wegen der holprigen Postzustellung nicht verlassen. Deshalb sind zwei Wochen lang Shuttlebusse im Einsatz, die die Vertriebenen aus Texas, Georgia, Mississippi und Arkansas über die Landesgrenze zu improvisierten Wahllokalen außerhalb von New Orleans fahren. Selbst Bürger, die frühestens in ein oder zwei Jahren in ihre Stadt zurückkehren wollen, wollen über ihre Zukunft mitbestimmen.

Der amtierende Bürgermeister Ray Nagin, der seit dem Hurrikan nahezu täglich in der Schusslinie steht, bewirbt sich um eine zweite Amtszeit. Gegen ihn tritt eine bunte Riege von 22 weiteren Kandidaten an, darunter der schwule Moderator einer Radio-Morgenshow, ein 24-jähriger Medizinstudent oder eine Bewohnerin des zerstörten Arbeiterviertels Ninth Ward. Fünf Frauen und mindestens ebenso viele Afroamerikaner stehen zur Wahl. Nur ein einziger Bewerber geht für die Republikaner ins Rennen.

Ursprünglich sollte der neue Bürgermeister schon im Februar gewählt werden, doch angesichts der Zerstörung und der zerrütteten Infrastruktur verschoben die Behörden den Termin auf April. Doch selbst das war mehreren Bürgerrechtsgruppen eigentlich zu früh: Viele Schwarze, die einst 70 Prozent der Bevölkerung der Stadt stellten, seien noch nicht nach New Orleans zurückgekehrt, argumentieren sie. Das Wahlergebnis könnte also zum Nachteil der Farbigen verzerrt werden, so die Befürchtung.

Doch jetzt steht der Termin, und mehrere Kandidaten ziehen schon seit Wochen mit ihren Werbekampagnen durch das ganze Land. Sie besuchen ihre vertriebenen Schäfchen in Louisianas Nachbarstaaten und fordern sie auf, trotz der erschwerten Bedingungen zur Wahl zu gehen. In Houston erinnerte Bürgermeister Nagin die Teilnehmer eines Diskussionsforums kürzlich daran, dass in wenigen Wochen die nächste Hurrikansaison beginnt: "Wollt ihr dann einen erfahrenen Anführer haben, der sich schon einmal in einer Krisensituation bewährt hat? Oder wollt ihr zu diesem wichtigen Zeitpunkt in der Geschichte unserer Stadt lieber herumexperimentieren?", fragte Nagin und erntete donnernden Applaus.

Ob der Amtsinhaber tatsächlich Chancen auf eine Wiederwahl hat, ist unklar: Aufgrund der vielschichtigen Komplikationen bei der Wahl gibt es bislang kaum politische Umfragen und Prognosen.

Besonders beeindruckend fällt die Erfolgsbilanz der Stadtverwaltung unter Nagin bislang allerdings nicht aus. Teile der Stadt sind noch immer von der Trinkwasser- und Gasversorgung abgeschnitten; im Osten funktioniert das Telefonnetz nur stellenweise. Der städtische Wirtschaftsentwicklungsdirektor Don Hutchinson schätzt, dass weniger als zehn Prozent der ehemals 22 000 Geschäfte inzwischen wieder geöffnet haben. Dabei sollen inzwischen etwa 40 Prozent der Bevölkerung zurückgekehrt sein. Auch ein Chefökonom von Standard & Poor?s stellte kürzlich fest, der Wiederaufbau von New Orleans verlaufe wesentlich schleppender als erhofft und auch langsamer als in jenen Gebieten, die "Katrina" in Mississippi und Alabama verwüstete. Nicht gerade ein Wahlaufruf für Nagin.

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