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„New“: They came, they surfed and went back to the beach

30 Millionen Menschen haben sich laut einer "aktuellen" Studie in den USA, Großbritannien, Dänemark und Holland bereits wieder aus dem Internet verabschiedet. Angeblich endgültig.

Die Meldung für den W-Commerce (Weihnachts-Commerce), das Internet und für das neue Jahr lautet: 30 Millionen Menschen haben sich in den USA, Großbritannien, Dänemark und Holland einer Studie des britischen "Virtual Society"-Programms zu folge bereits wieder aus dem Internet verabschiedet. Angeblich endgültig. Dabei war das Ergebnis der Untersuchung, die von der Univerität Oxford durchgeführt wurde, Folge wissenschaftlicher "Vollständigkeit". Denn die Forscher fügten ihrem Fragebogen neben den ankreuzbaren Feldern "Nutzungsdauer", "Nutzungshäufigkeit, etc., wissenschaftlich korrekt aber eben eher beiläufig das Feld "ehemaliger Nutzer" bei. Dieses wurde von 8 bis 11 % der Befragten angekreuzt. Besonders viele der "Aussteiger" sollen Teenager sein. "Sie kamen, sie surften und gingen zurück an den Strand", titelte desshalb Sally Wyatt vom "Vitual Society?"-Forschungsprogramm, die die Gruppe der Jugendlichen untersuchte.

Der Report fasst 22 Untersuchungsprojekte der vergangen drei Jahre Zusammen. Bei Umfragen unter 76 Forschern an 22 Universitäten der genannten Länder wurde der Einfluss des Internets auf die Gesellschaft zudem deutlich geringer eingeschätzt als angenommen. Teenager seien keinesfalls "Netz-fanatisch". Das Internet ergänze nur bereits bestehende elektronische Kommunikationsmöglichkeiten. Telefon und Fax würden so häufig genutzt wie in der Post-Internetzeit. Das neue Medium würde hauptsächlich für das Versenden von E-Mails genutzt und dabei als Ersatz für das Schreiben von Briefen verstanden, so die Studie.

Was für eine Meldung. Journalistisch donnern könnte ich und Titeln: Ist das Internet nur eine Modeerscheinung? Das würde passen, wäre neu, eine überraschende Wendung in einer endlosen Geschichte um Dot.coms, Börsenkurse, Cyberspace, Zukunftstrategien, E-Commerce und Datenmüll. Doch die Geschichte hinter der Geschichte ist eine andere. Sie ist eine jounalistische und stellt die Frage, wie werden Nachrichten im Internet manchmal "gemacht". Denn: Die Studie mit dem Titel "They came, they surfed and went back to the beach" war am Mittwoch bereits über ein Jahr alt und das Ergebnis ebenso lange veröffentlicht. Aber: Die eigentlich veralterte, immer noch interessante und bis dato unbeachtete Nachricht, wurde am Mittwoch auf verschiedenen deutschen und britischen Nachrichtenseiten im Internet "gepuscht" und durch ein paar journalistische Tricks unterschwellig als "neu" verkauft.

Doch am Donnerstag tat sich auch auf der Homepage der "Virtual Society?" wundersames. Plötzlich war auf der Seite alles "New". Profile 2000 prangte auf der Seite. Gewissermaßen das "Up-Date" zur Studie, mit neuen Erkenntnissen. Der "unbeabsichtigte" Kern der Studie vom Oktober 1999 (30 Millionen ehemalige Nutzer), plötzlich "New". Parallel dazu zog auch die Berichterstattung auf britischen und deutschen Internetseiten an. Also: Eine wunderbare Meldung, streitbar, kommentierbar und mit Ätsch und Trallala. Und: "So macht man Nachrichten". Denn Nachrichten müssen vor allem eines sein: "New" - auch in der Weihnachtzeit.

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