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New Yorker Internet-Gemeinde: Neue Vorbilder gesucht

Das wird kein leichter Gang für Bill Gross. Als der schon legendäre Gründer und CEO von Idealab vor Monaten die Zusage machte, diese Woche auf der Internet World in New York eine Keynote zu halten, sah die Welt noch anders aus....

Internet-Startups und ihre Förderer, wie der Inkubator Idealab, Brutstätte für Erfolgsstories der New Economy, konnten aus dem Vollen schöpfen. Die Investoren folgten ihnen, wo immer es auch hin ging, die Dollars in der Hand.

Gross war 1996 mit Idealab in Pasadena, Kalifornien, gestartet und galt bald schlicht als der Mann mit der goldenen Nase fürs Geschäft. Idealab-Beteiligungen wie eToys, NetZero oder GoTo.com legten traumhafte Börsengänge hin. Gross, den das Magazin "Time" schon einmal ehrfürchtig als "Milliarden-Dollar-Gehirn" bezeichnete, und der in einem Atemzug mit Bill Gates genannt wurde, war Ende des letzten Jahrtausends, im Alter von vierzig Jahren, ganz oben angekommen. Noch im Januar investierte alleine die japanische Hikari Tsushin Inc. rund 100 Mill. $, um knapp 1,34% von Idealab zu kaufen.

Doch mittlerweile hat sich der Zug der Lemminge bedrohlich der Klippe genähert. Spielzeughändler eToys notiert an Wall Street um 4 Dollar, im Hoch waren es über 80 Dollar, GoTo.com liegt heute bei knapp 12 Dollar im Koma, in guten Zeiten wurde der Wert den Aktienhändlern mit über 100 Dollar aus den Händen gerissen.

Letzte Woche dann blieb Wunderkind Gross selbst die demütigende Absage - offiziell Verschiebung - des eigenen Börsengangs nicht erspart. Nur einen Tag, bevor Idealab-Beteiligung Eve.com still und leise die Tore schloss.

"Nach Prüfung aller Alternativen hat das Unternehmen mit Bedauern feststellen müssen, dass die Liquidation die einzig realistische Option darstellt", teilten die Macher des Online-Kosmetikshops Eve.com frustriert mit. Die meisten der 164 Angestellten werden entlassen, eine kleine Mannschaft wickelt die bestehenden Orders noch ab, der letzte macht das Licht aus. Idealab selber steht besser da: Noch im März konnte eine Milliarden schwere Finanzierungrunde durchgebracht werden. Doch das muss jetzt erst mal reichen.

Verzweifelt sucht die Internet-Gemeinschaft in New York nach neuen Vorbildern und Schrittmachern. Gross und die anderen Sprecher werden sich kaum mehr mit Worthülsen über die Zeit retten können. Antworten sind gefragt. Daß die Party vorbei ist, ist nun mittlerweile wirklich jedem klar. Doch wie ist das mit dem Aufräumen am nächsten Morgen? Das ist jetzt die Frage. Wenn Gross die Antwort nicht weiß, wer denn dann? Edmond Sanctis, von NBC Internet? Wohl kaum, der President der Web-Tochter des Medienkonzerns NBC musste letzte Woche aufgeben, genauso wie Alta Vista-Chef Rod Schrock oder Lucent-CEO Rich Mc Ginn am Montag. Die Einschläge kommen näher.

Vielleicht weiß es David Wetherall, CEO der mächtigen Internet-Holding CMGI? Auch er hält eine Keynote. Doch wenn man der Börse glaubt, hat auch er keine überzeugenden antworten. Im 52-Wochen-Hoch notierte CMGI-Aktien bei über 160 $. Heute kann, wer will, um 17 $ einsteigen, wenn man Wetherall eine Wiederholung seines früheren Erfolgs zutraut. Aber im Moment will halt keiner so richtig. Die Internet-Zunft sucht neue Visionäre. Wer kann die Börse wieder begeistern? Bitte melden.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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