Nicht kleckern, sondern klotzen
Chinas aufwändiger Formel-1-Einstieg

Bescheidenheit ist nicht Schanghais Stärke. Sie ist die reichste und größte Stadt Chinas. Sie kokettiert gerne mit dem Etikett "größte Baustelle der Welt". Hier fährt der erste kommerziell genutzte Transrapid der Welt, das höchste Gebäude Asiens entsteht in der Hafenmetropole, und auch der nächste Superlativ lässt nicht mehr lange auf sich warten.

HB/dpa SCHANGHAI. Seit Oktober vergangenen Jahres wird an der technisch aufwändigsten und wohl bislang auch teuersten Formel-1-Strecke der Welt gebaut. "Eins ist sicher: Das wird eine Riesen-Attraktion", schwärmt Xu Jian, der bei der Unternehmensberatung Roland Berger das Vermarktungskonzept der über 240 Millionen Dollar teuren Strecke entwickelt hat. Nach nur 18 Monaten Bauzeit - auch das ein Rekord - soll die Piste 2004 fertig sein und dann möglichst schnell auch Profit abwerfen.

Aber wie? Während beispielsweise am kommenden Wochenende beim Formel-1-Rennen am Nürburgring in der Eifel in Deutschland wieder eine Dauerparty rund um die 900-PS-Boliden gefeiert wird, steckt die "Autokultur" in China noch in den Kinderschuhen. Ausflüge mit dem eigenen Wagen sind nach wie vor die Ausnahme, ein dem westlichen Autobesitzer vergleichbares Markenbewusstsein beginnt sich erst zu formen. Und: Auch wenn es immer mehr wohlhabende Menschen im bevölkerungsreichsten Land der Erde gibt, ist ein Großteil weiter arm. Ein Formel-1-Ticket steht an letzter Stelle ihrer Wunschliste.

Das chinesische Fernsehen überträgt schon live

Die chinesischen Macher aber sind zuversichtlich. "Zwar hat der Autosport noch nicht den Status wie in Deutschland, aber schon rund 60 Prozent der jungen Menschen in Großstädten kennen die Formel 1", sagt Xu. "Das chinesische Fernsehen überträgt jetzt schon live, das Interesse ist sehr groß." Laut Umfragen von Roland Berger sind die Chinesen bereit, zwischen 400 und 1000 Yüan (40 und 100 Euro) pro Ticket auszugeben. "Das hat uns sehr überrascht", so Xu.

Für den Bau der Strecke scheut Shanghai weder Kosten noch Mühe. Entworfen wurde sie vom Aachener Rennstrecken-Architekten Hermann Tilke in der Form des chinesischen Zeichens "shang", das so viel wie "hoch" bedeutet und Teil des Stadtnamens Shanghai ist. Genau 5,451 km wird sie lang und unter anderem mit einer Art sich zuziehender Schneckenkurve für die Fahrer auf höchstem technischen Niveau sein. "Die wird schwer zu fahren sein", sagte Tilke dem Internet-Anbieter "Sport1". "Die Anlage ist vom Feinsten, die fortschrittlichste, die es derzeit gibt", betont stolz Mao Rulin, der als stellvertretender Direktor des Shanghai International Circuit (SIC) das Projekt betreut. "Formel-1-Chef Bernie Ecclestone war total beeindruckt bei seinem letzten Besuch."

Rentabel ab 2013

Rund 200 000 Zuschauern sollen die Tribünen Platz bieten. Damit das erste Rennen 2004 nicht vor halbgefüllten Rängen stattfindet und die Anlage auf Dauer rentabel wird, arbeiten die Marketingexperten an einem Gesamtkonzept, das die Anlage 365 Tage im Jahr kommerziell nutzt. "Natürlich werden verschiedene Rennen pro Jahr gefahren werden", sagt Xu. Außerdem seien Open-Air-Konzerte, Veranstaltungen von Firmen und die Vermietung von Teilstrecken und Pavillons zu Werbezwecken einzelner Unternehmen geplant. Rund 400 000 Touristen mehr pro Jahr erwartet die Hafenmetropole durch die Strecke. Der Vertrag mit dem Automobil-Weltverband FIA für die Ausrichtung der Formel 1 läuft bis 2010, bis 2013 sollen sich die Kosten amortisiert haben. "Die Anlage ist teuer, hat aber einen hohen kommerziellen Wert", betont Xu.

Nach seinen Schätzungen werden Chinesen einen Großteil des Publikums ausmachen. "Aber nicht für die teuren Plätze", die etwa 2000 bis 3000 Yüan kosten sollen. Diese Tickets sollen die in China lebenden Ausländer sowie Besucher aus Hongkong, Südostasien und Europa zahlen.

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