Nicht nur die Schweizer Roche Holding plant drastische Stellenkürzungen
Pharmaindustrie tritt trotz Wachstum weltweit auf die Kostenbremse

Die Schweizer Roche Holding AG, fünftgrößter Arzneimittelhersteller Europas, tritt auf die Kostenbremse: Mit der Streichungen von 3 000 Stellen in der Pharmasparte vor allem in den USA und der Schweiz will Konzernchef Franz Humer in den nächsten drei Jahren die Ertragslage verbessern.

shf/bef FRANKFURT/M. Er reagiert damit auf die Stagnation des Pharma-Umsatzes von Roche im ersten Quartal und die Schwäche der Pharma-Rendite, die mit 18 % im vorigen Jahr deutlich unter der führender Konkurrenten wie Pfizer oder Merck & Co. lag. Humer plant, die Rendite binnen zwei bis drei Jahren auf 20 bis 25 % zu steigern.

Bei Roche sind hausgemachte Probleme für Sparkurs und Stellenstreichungen verantwortlich: Dem Konzern fehlen neue, erfolgreiche Produkte, die Umsatzschübe bringen, kritisieren Analysten wie Birgit Kuhlhoff von der Bank Lombard Odier. Doch mit dem Stellenabbau steht Roche in der Pharmaindustrie insgesamt nicht allein: Trotz des Wachstums drücken Hersteller zunehmend auf die Kostenbremse und straffen ihren Personalbestand.



Der Unterschied zu Roche ist, dass die zum Teil drastischen Neuausrichtungen meist nicht isoliert bekannt gegeben werden, sondern hinter großen Fusionen verborgen bleiben. Tatsächlich dürfte die Fusionswelle der vergangenen Jahre zum Abbau von einigen Zehntausend Arbeitsplätzen in Produktion und Verwaltung geführt haben.



Wie auch bei Roche liegt diese Entwicklung nicht zuletzt an den hohen Ertragserwartungen des Kapitalmarktes. Viele Pharmafirmen können die Erwartungen nicht allein aus dem Wachstum des operativen Geschäfts erfüllen. "Wenn das Umsatzwachstum nicht ausreicht, bleibt nur die Arbeit an der Kostenbasis", sagt Pharmaanalyst Holger Blum von der Deutschen Bank.



Dem Zwang zu besseren Erträgen trat zuletzt die Schering AG mit Stellenkürzungen entgegen: Der Berliner Pharmakonzern will seine Produktion straffen und 650 Jobs streichen. Gestern kündigte der zweitgrößte japanische Pharmakonzern Sankyo an, die Belegschaft von 6 500 Mitarbeitern um 15 % zu verkleinern. In Deutschland strafften Bayer und BASF in der Vergangenheit mehrfach ihre Pharmasparten.



Meist gelingt ein wirklich drastischer Schnitt in die Kostenstruktur nur im Zuge großer Fusionen. Der Straßburger Aventis-Konzern etwa, der aus Hoechst und Rhône-Poulenc entstand, beschäftigte Ende 2000 rund 9 000 Mitarbeiter weniger als zu Jahresbeginn, wozu allerdings auch Firmenverkäufe beitrugen. Branchenführer Pfizer baute im ersten Jahr nach der Übernahme von Warner-Lambert rund 4 000 Stellen ab. Beim US-Konkurrenten Pharmacia entfielen nach dem Zusammenschluss mit Monsanto 1 500 Arbeitsplätze. Zu erheblichen Stellenverlusten dürfte es auch beim frisch fusionierten Pharmariesen Glaxo Smithkline sowie beim US-Konzern Abbott kommen, der vor wenigen Monaten die BASF-Pharmasparte übernahm.



Experten schätzen, dass die Pharmakonzerne etwa eine Milliarde Dollar sparen, wenn sie 6 000 bis 8 000 Stellen streichen. Jobkürzung ist daher eine der bedeutendsten Triebkräfte für das zweistellige Ertragswachstum der Pharmabranche. Pfizer etwa kündigte an, allein fünf Prozentpunkte Gewinnsteigerung pro Jahr aus der Kostensenkung zu generieren.



Ein Teil der Arbeitsplätze geht in der Pharmabranche allerdings nicht völlig verloren. So lagern die Konzerne auch Geschäftbereiche aus und schichten intern um: Meist werden die Stellen vor allem in der Produktion gestrichen, Vertrieb und Marketing hingegen werden personell verstärkt. Bei Schering etwa hat sich der Anteil der Herstellkosten seit 1996 um zwei Prozentpunkte verringert, während der Vertriebsaufwand entsprechend zulegte. In der Forschung greifen Pharmaunternehmen zudem verstärkt auf die Leistung von Biotechfirmen zurück.



Diese Effekte haben offenbar auch dazu beigetragen, dass die Beschäftigung in der Pharmabranche insgesamt in den letzten Jahren per Saldo noch leicht zugenommen hat - bei allerdings weltweit deutlich steigenden Umsätzen. Branchenkenner gehen davon aus, dass Kostensenkungen und Personalabbau noch nicht beendet sind. Vor allem bei europäischen Pharma-Unternehmen besteht aus Sicht von Analyst Holger Blum weiterer Spielraum, die Effizienz zu steigern.

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