Nicht nur durch das Holocaust-Mahnmal berühmt
Wandlungsfähiger Architekt: Peter Eisenman

Weltberühmt gemacht hat ihn das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Die Fachwelt hingegen bewundert den heute 72-jährigen Architekturtheoretiker Peter Eisenman für seinen Einfluss schon länger.

1967 gründete der Amerikaner mit 35 Jahren seine eigene Schule, das bekannte Institut für Architektur und Städtebau, New York. Einer der so schnell in der Auffassung ist wie er, denkt nicht in Schubladen. Neben der Architektur interessieren ihn vor allem Semiotik und Poststrukturalismus. Sein Interesse daran führte zu Publikationen mit den Philosophen Jacques Derrida und Gilles Deleuze.

"Philosophie ist für ihn nicht Verzierung, sondern hat ein eigenes Gewicht in seinem Werk", betont Günter Schlusche, selbst Architekt und Koordinator für Planung und Bau des Denkmals für die ermordeten Juden. Er muss es wissen. Seit 20 Jahren ist Schlusche Eisenmans Sparringspartner im Dschungel von Bauvorschriften und deutsch-jüdischer Befindlichkeit.

1932 in Newark, New Jersey, geboren, kam Eisenman relativ spät zum Bauen. Und was der Dekonstruktivist errichtet, soll verstören. Sein Frühwerk verachtet die Nutzung, bekämpft Konventionen mit verzerrten und verschobenen Räumen, mit Gängen, die ins Nichts führen. In der Architektur wie beim Mahnmal für die ermordeten Juden geht es Eisenman um körperliche Erfahrung: mehr als 2700 Betonstelen stehen so eng, dass sich der Besucher isoliert fühlt. "Ich will den Holocaust nicht verbildlichen. Es geht um die Absenz von Inhalten." Eisenman ließ die 19.000 Quadratmeter große Brache zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz wellig anlegen. Einige Stelen ragen kaum aus dem Boden, andere fast fünf Meter. So evoziert Eisenman das Gefühl von schwankendem Boden - und der Sprachlosigkeit.

Dass er immer wieder als jüdischer Architekt angesprochen wird, nervt ihn. Er ist Amerikaner, zufällig Jude. "Meine Vorfahren wanderten 1848 aus der damals deutschen Stadt Straßburg in die USA aus." Hellwach, lässig mit Fliege und Cordanzug angetan, scheut er weder Provokation noch jüdischen Witz - und landet schon mal im Fettnapf deutsch-jüdischer Empfindlichkeiten. Der Pragmatiker entschuldigt sich und "sucht bei allen Schwierigkeiten den Konsens", wie Günter Schlusche sagt.

So unverkrampft Eisenman das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen sieht, so wandlungsfähig ist er als Architekt. Viele Änderungen und Einmischungen hat er hinnehmen müssen. Doch eines seiner Talente ist die Fähigkeit, sich auf sein Gegenüber einzustellen. Nur so konnte er die Verkleinerung seines Entwurfs oder den Bau eines zusätzlichen Informationszentrums akzeptieren, das er unter sein Stelenfeld verbannt hat.

Der Fußballfan, der über Kabel insbesondere den Gelsenkirchener Verein Schalke 04 im Blick hat, bekennt: "Beim Fußball bekomme ich ein Gefühl für das Land." Er kennt die Deutschen inzwischen ganz gut und sieht der Einweihung des Holocaust-Mahnmals am 10. Mai gelassen entgegen.

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