Nicht nur Thomas Doll ist neu bei HSV, sondern auch seine Methoden
Fan-Gesänge vom Band

Seit zehn Tagen ist Thomas Doll Trainer des Hamburger SV und hat bereits mit neuen Arbeitsmethoden Erfolg. Eine davon ist der "Kulissenkrach", der den Spielern die richtige Stimmung vermitteln soll.

HAMBURG. Der Hamburger Volkspark ist ein grünes Kleinod, wie es sich der Großstädter zur Erholung wünscht. Eine Oase, um an frischer Luft mal abzuschalten und Ruhe zu finden. Mit der Ruhe war es indes an einem Vormittag in der vergangenen Woche vorbei. Da schallte aus der am Rande des Parks gelegenen AOL-Arena ohrenbetäubender Lärm herüber, wie ihn nur zigtausende von Fußballfans veranstalten können. Ein großes Fußballspiel? Mitten in der Woche? Und dann noch am Vormittag?

Wer neugierig im Stadion nachschaute, wurde erstmal stutzig, fand er dort doch nur rund 200 Leute vor, die eher andächtig einem Training des Hamburger SV zuschauten. Des Rätsels Lösung: Die Lärmquelle war künstlich. Fangesänge und-anfeuerungen dröhnten vom Band über die Lautsprecherboxen durch die Arena. Thomas Doll, der neue HSV-Trainer, hatte die Anweisung zur akustischen Arbeitsuntermalung gegeben. Er wollte schon mal die Stimmung simulieren, mit der seine Mannschaft beim kommenden Auswärtsspiel im Dortmunder Westfalenstadion konfrontiert werden würde. Die Spieler begriffen die Lektion: Sie gewannen bei Borussia Dortmund mit 2:0, der erste Auswärtssieg des HSV seit dem 17. April.

Die Idee mit dem Kulissenkrach sei ihm ganz spontan gekommen, erklärte Thomas Doll später. Findinge Helfer hatten daraufhin in aller Eile eine Kassette herbeigeschafft, auf der die Stadionstimmung beim HSV-Heimspiel in der vorigen Saison gegen Bayer Leverkusen eingefangen worden war. Thomas Doll ist neu beim HSV. Und neu sind für die HSV-Profis auch die Methoden, die er anwendet. Bescheiden, offenherzig und freundlich - so tritt er auf. "Ich will in jeder Übungseinheit Spaß vermitteln", lautet sein Credo. Der Spaßfaktor schließt aber harte Arbeit keineswegs aus. Der "liebe Thomas" als Dauerzustand? Ausgeschlossen. "Wer das glaubt, der irrt sich", kündigt Doll an, dass er durchaus auch in der Lage ist, auf autoritärere Gangarten umzuschalten.

Erst vor zehn Tagen hat er Klaus Toppmöller als Trainer der Hamburger abgelöst. Toppmöller, 53 Jahre alt, Doll, 38 Jahre alt - der Altersunterschied drückt sich auch in den Arbeitsmethoden aus. Kaum im Amt ließ Thomas Doll schon die Fernseher im Kraftraum abmontieren. Die Spieler hatten unter Toppmöller während der muskelbildenden Maßnahmen stets einen Musiksender samt Ton laufen. Das lenke zu sehr ab, befand Doll und lässt nun im fernsehfreien Raum trainieren.

Auch die Psychologie spielt eine große Rolle im Trainerdasein des ehemaligen Nationalspielers Doll. Nicht schlecht gestaunt haben die HSV-Profis, als sie während einer Übungseinheit die Order erhielten, nacheinander auf eine Anlage zu klettern, die in der AOL-Arena wie eine Art Riesenföhn am Rande der Spielfläche zur Belüftung des Rasens herumstand. Von dort oben sollten sich die Spieler rückwärts nach unten fallen lassen. Unten stand eine größere Gruppe von Mannschaftskameraden, um den Fallenden sanft aufzufangen. "Vertrauen zueinander entwickeln", hieß das Lernziel dieser Übung, so der Trainer.

Doll hat sich auch schnellstens mit den Problemfällen befasst. Beispiel: Emile Mpenza. Den Stürmer - zuvor stets eifrig, aber glücklos - nahm Doll fast jeden Tag beiseite und redete auf ihn ein. Er gab ihm das Selbstvertrauen zurück, dass ein Stürmer zwangsläufig einbüßt, wenn er immer nur neben statt ins Tor schießt. Mpenzas Dank: In Dortmund schoss er das 1:0 für den HSV. Dass er danach vor lauter Glückseligkeit die Fußballregeln missachtete, indem er sich das weiße Trikot vom tiefbraunen Körper riss und dafür die Gelbe Karte sah, nahm ihm niemand übel.

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