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Nicht ohne mein Handy

Mobiltelefone spielen sogar als Lebensretter eine wichtige Rolle. Dank Handys werden viele Unglücksfälle verhindert und etliche Leute aus Notlagen gerettet.

Vor ihm ging es Hunderte Meter in die Tiefe, hinter ihm war nur noch die Bergwand. Die Lage des Sachsen auf dem griechischen Berg Athos war verzweifelt: Er traute sich nicht mehr vorwärts, rückwärts ebenso wenig. Vor lauter Angst ging gar nichts mehr. Zu essen oder zu trinken hatte der Mittfünfziger oben auf dem Berg auch nichts mehr. Eigentlich hatte er nur einen feinen Urlaub verleben und nicht einmal kraxeln wollen. Doch der tolle Blick aufs Meer hatte ihn immer höher getrieben bis er schließlich weder vor noch zurück kam.

Seine Rettung war der ADAC-Notruf - zu Hause in Deutschland. Die Nummer war in seinem Handy eingespeichert. Und das hatte der Sachse mitgenommen auf seinen Ausflug. Ohne das wäre er womöglich verdurstet und verhungert, gefunden hätte ihn jedenfalls dort niemand. Die Münchner Zentrale informierte Athen und die schickten einen Rettungshubschrauber. "Der erste Pilot verweigerte den Einsatz, da er ihm zu gefährlich war. Doch der zweite half", erzählt Peter Hemschik, Sprecher beim ADAC in München.

Kein Einzelfall

Diese Rettung ist beileibe kein Einzelfall. Je mehr Menschen ein Mobiltelefon haben, umso mehr Notrufe gehen beim Automobilclub ein. Waren es vor fünf Jahren rund 320 000 Notrufe, wandten sich vergangenes Jahr mit 538 000 fast doppelt so viele hilfesuchend an den ADAC. Das Personal in den Notrufzentralen wurde um 40 % aufgestockt. Und das, obwohl "nicht mehr gereist wird oder allenfalls minimal", gibt Hemschik zu bedenken.

Auch früher gab es schon viele Unglücksfälle und Probleme - aber eben keine technische Möglichkeit, so schnell Hilfe zu holen. Die Bandbreite der Fälle ist riesig: So erreichte die gelben Engel ein Notruf aus Neuseeland. Der Fahrer eines Wohnmobils war in einer einsamen Bucht in eine Windhose geraten. Als ihm gewahr wurde, dass sich das Naturschauspiel gradewegs auf ihn zu bewegte, konnte er noch eben per Handy Hilfe anfordern. Kurz darauf landete sein Wohnmobil mit Totalschaden wieder auf dem Boden, er selbst kam mit Knochenbrüchen noch mal glimpflich davon.

Gut erinnern kann sich Hemschik auch an den Touristen, der sich in Griechenland fürchterlich verfahren hatte. Er konnte dem ADAC an seinem Mobiltelefon nur sagen, dass links ein Bretterzaun stehe und rechts fünf Kiefern - das letzte Verkehrsschild habe er eine Stunde zuvor gesehen. Da benachrichtigten die Münchner die Polizei vor Ort, um den Verfransten aufzugabeln.

Übrigens: Auch die Netzwert-Korrespondentin Sigrun Schubert wurde bei einer Trecking-Tour in den USA dank ihres Handys vor dem Erfrieren gerettet, als sie sich vergangenen Herbst in den Catskill Mountains verirrte.

Dass die vorgespeicherten, oft belächelten Telefonnummern - unter anderem des ADAC - gerade in solchen Fällen hilfreich sind, zeigt sich besonders bei Autounfällen: Da kommt es durchaus vor, dass Unfallopfer aus ihren demolierten Wagen klettern und in dem Moment geschockt nicht mehr auf die Rufnummer der Polizei kommen.

Mobiltelefone sind auf Reisen mittlerweile unerlässlich

Diese Fälle, die Hemschik allein aus jüngster Vergangenheit berichtet, klingen abenteuerlich - belegen aber eindrucksvoll, wie wichtig Mobiltelefone auf Reisen und insbesondere im Ausland sind. Im Zweifel sogar überlebenswichtig. Der unglaublichste Fall der letzten Zeit war jedoch dieser: Ein Tourist - auch in Neuseeland -, der vergangenen September vom Blitz getroffen wurde. Trotz schwerster Verbrennungen und obwohl er teilweise gelähmt war, konnte er gerade noch mit seinem Handy den ADAC-Ruf anklicken und nur dadurch gerettet werden.

Ein Lebensretter war das Mobiltelefon auch in diesem Fall: Als der Düsseldorfer Flughafen brannte, vergaß das Personal einer Airline einen Flugreisenden in einer Vip-Lounge, der auf der Toilette war, und schloss sie kurzerhand ab. Hätte er nicht sein Handy bei sich getragen und damit seine Sekretärin verständigen können, wäre er wohl in den Flammen umgekommen.

Fast täglich finden sich in der Tageszeitung Meldungen wie die von der Autofahrerin in Oberhausen, die eine Geisterfahrerin stoppte. Couragiert hatte sie sich mit ihrem Wagen der Frau in den Weg gestellt, als sie in der falschen Richtung auffahren wollte. Sie nahm ihr den Zündschlüssel ab und rief per Handy die Polizei. Dann kam heraus, dass die verhinderte Geisterfahrerin unter Tabletten stand.

Oder die Meldung von dem Ehepaar aus Recklinghausen, das vor wenigen Tagen von vier Männern aus Kasachstan entführt und die Ehefrau vergewaltigt wurde. Wäre es dem Mann nicht gelungen, per Handy einen Bekannten anzurufen, wären sie so schnell nicht befreit worden.

Hemschiks Fazit ist eindeutig: Mobiltelefone haben "viele segensreiche Aspekte" - und nicht nur im Urlaub. Etliche Staus auf der Autobahn können schneller bekannt gemacht werden. Allein beim Autoclub sind 90 000 Berufsfahrer oder Pendler mit ihren Handys als Staumelder registriert.

Ständige Erreichbarkeit beruhigt

Drei Fünftel aller Deutschen haben ein Handy, ergab eine Forsa-Umfrage für das Informationszentrum Mobilfunk (IZM). Drei von vier Bundesbürgern schätzen die Möglichkeit, in schwierigen Situationen und Notlagen Hilfe holen zu können, als sehr wichtig ein. Weltweit gibt es heute mehr Handys als Festnetzanschlüsse, meldete im Februar der Internationale Fernmeldeverein in Genf. 2003 sollen 1,6 Milliarden Handys 1,2 Milliarden Festanschlüssen gegenüberstehen. Auch die Marktforscher der GFK ermittelten erst in diesem Jahr, dass sich Handy-Besitzer eines besseren Lebensgefühls erfreuen: 74 % der Befragten beruhigt die ständige Erreichbarkeit.

Handys können süchtig machen

Doch so segensreich dieser Aspekt ist, so rasch können Mobiltelefone sogar süchtig machen, vergleichbar mit Alkohol- oder Tablettensucht. Gabriele Richter-Borck, Leitende Ärztin und Verhaltenstherapeutin an der Nexus-Klinik in Baden-Baden, beobachtet: Es gibt viele Leute, die keinen Meter mehr ohne ihr Handy gehen können. "Vor allem jene, für die ihr Mobiltelefon einen Ersatz für echte Kommunikation bedeutet - sie halten sich andere Menschen auf Distanz und sind dennoch der Meinung, sie hätten gute Kontakte und Freunde."

Das Fazit der Medizinerin: Diese Leute machen sich etwas vor. Die schnelle Erreichbarkeit ist praktisch, aber der Druck, man müsse ständig erreichbar sein, sei ein Auswuchs. Handy-Sucht liege vor, wenn man unruhig wird ohne sein Handy, wenn man sich unwohl fühlt und - wenn es längere Zeit nicht klingelt - den Drang hat, selbst jemand anzurufen. "Das geschieht, um die eigene Stimmung zu verändern oder um sich zu betäuben, aus einer Getriebenheit oder um Langeweile nicht wahrnehmen zu müssen", beschreibt die Ärztin Gabriele Richter-Borck.

Mobiltelefon als Kontrollmittel

Umgekehrt funktionieren Mobiltelefone auch als Kontrollmittel. Wer etwa an der Treue seines Ehepartners Zweifel hat, checkt nicht selten die Anruferlisten oder die SMS im Handy des Partners. So kam auch die Affäre von Claudia Strunz mit Stefan Effenberg heraus. Auch die Funktion Wiederwahl kann unverhoffte Aufschlüsse liefern. In Kalifornien wurde sogar ein Mörder überführt, als sein Handy-Netzbetreiber per Gesprächsliste nachwies, wo der Mann zur Tatzeit war.

Wer sich Handy-Kontrollen nicht aussetzen will, kann nur eines tun: Er deaktiviert die Gesprächs- und Anrufliste vollständig - und solche raffinierten Casanovas sind keine Seltenheit.

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