Nichts dazugelernt!

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Pisa ist vergessen. Ein Jahr nach den niederschmetternden Ergebnissen des Leistungsvergleichs ist von Reformeifer im Bildungsbereich nichts mehr zu spüren. Heideldruck-Chef Bernhard Schreier (Foto) fordert den Turnaround im Bildungssystem.

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Viele Diskussionen sind geführt worden, getan hat sich wenig. In Bildungsfragen fehlt es weiter an der notwendigen Entschlossenheit. Statt einer Hartz- oder Rürup-Kommission für Bildung verstrickt sich die Kultusministerkonferenz in Absichtserklärungen. Diese Blockade müssen wir auflösen und durch eine Struktur ersetzen, die verbindliche Inhalte und Rahmen im Bildungsbereich vorgibt. Denn das Thema ist zu wichtig, um den schleichenden Verfall des Bildungssystems weiter tatenlos hinzunehmen. Auf einem leistungsfähigen Bildungssystem beruhen unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und unser Wohlstand. Darauf beruhen auch unsere Zivilgesellschaft und Demokratie. Gemeinsame Initiative notwendig Wir brauchen daher jetzt eine Turnaround-Initiative Bildung, in der sich Wirtschaft, Verbände und Politik gemeinsam der Aufgabe annehmen. Unabhängig von Parteizugehörigkeit und Ideologie entwickelt die Initiative pragmatische, schnell umsetzbare Lösungen für die drängendsten Probleme. Nur mit einem solchen strukturellen Neuanfang ist das deutsche Bildungssystem in den kommenden Jahren langfristig wieder handlungsfähig zu machen. Der Turnaround ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die gemeinsame Anstrengungen verlangt. Der Turnaround ist aber auch eine Managementaufgabe. Hier kann und muss auch die Wirtschaft ihre Erfahrungen und Kompetenzen einbringen. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ziel der Initiative ist nicht, Unterrichtsinhalte vorzugeben und alle Schüler auf Wirtschaftsthemen zu drillen. Stattdessen soll die Initiative einen Plan für den strukturellen Rahmen schaffen, damit Lernen und Lehre in Deutschland überhaupt wieder sinnvoll möglich werden. Dazu entwickelt die Initiative in einem ersten Schritt einen umsetzbaren Turnaround Plan, der handlungsorientierte Lösungen für die drängendsten Probleme des Bildungssystems erarbeit. Bildung muss Chefsache werden Bildung muss zur Chefsache erklärt werden - auch wenn momentan vermeintlich wichtigere Themen die Tagespolitik bestimmen. Die Initiative entwickelt daher nicht nur den Turnaround-Plan, sondern fordert auch seine zeitnahe Umsetzung. Sie unterstützt und überwacht regelmäßig die nationalen Fortschritte. Dazu müssen wir nicht das Rad immer wieder neu erfinden, sondern vor allem regelmäßig aufzeigen, wo noch Stagnation herrscht. Für die Initiative gibt es heute drei zentrale Handlungsfelder: Erstens werden sämtliche strukturellen Reformen im Bildungsbereich bislang durch die Kleinstaaterei der Kultusministerkonferenz blockiert, die sich in ungewohnter Eintracht als Bewahrer des deutschen Bildungsföderalismus feiert. Doch der Föderalismus ist im Bildungsbereich längst zu einer Reformbremse degeneriert. Der viel beschworene Wettbewerb hat im Bildungssystem in der bisherigen Form versagt. Sinnvoll wäre ein Vergleich mit den Besten in Europa und weltweit. Ein Schaukampf von 16 Landesministerien zwischen Hamburg und Baden-Württemberg oder Hessen und Niedersachsen ist es nicht. Der föderale Anachronismus erzeugt eine geradezu aberwitzige Doppel- und Dreifacharbeit, verschwendet Ressourcen und produziert fruchtlose Endlosschleifen. Gelingen kann der Turnaround aber nur, wenn die Länder bereit sind, Macht an eine neue zentrale deutsche Bildungsagentur abzugeben und damit die Selbstblockade der Kultusministerkonferenz auflösen. Denn auch der Bund als Ersatzinstanz wäre aus heutiger Sicht keine echte Alternative. Wir sollten vielmehr - wie auch internationale Vorbilder - eine gemäßigte Deregulierung anstreben. Finnland und Schweden haben es etwa geschafft, ihr pädagogisches Zentralinstitut aus politischen Profilierungsversuchen herauszuhalten. Gleichzeitig geben sie immer mehr Entscheidungsbefugnis direkt an die Schulen und Hochschulen, ohne ihre zentrale Steuerungsinstanz aufzugeben. Verbindliche Standards und Lernziele werden selbstverständlich landesweit festgelegt und sämtliche Institutionen müssen sich daran messen lassen. Managementkultur gefragt Das setzt zweitens eine Managementkultur voraus, die den Schulleitern und Hochschuldirektoren größere Freiheiten bei der Gestaltung von Etats und Personalentscheidungen einräumt und auch Anreize für Leistung schafft. Dafür brauchen die Schulchefs erheblich mehr Verantwortung und mehr Rechte als heute: Sie sind für das Budget ihrer Schule verantwortlich, nehmen Einfluss auf Einstellungen, entscheiden über Beförderungen und Prämien für besondere Leistungen ihrer Lehrer. Außerdem können sie ungeeignete Pädagogen entlassen. Die logische Alternative wäre ein sinnvoller Wettbewerb mit besseren Ergebnissen, bei dem der Bund den Rahmen vorgibt, ohne die Führung diktieren zu wollen. Investitionen notwendig Drittens geht es in der Bildungsfrage natürlich auch um Geld. Es kann nicht angehen, dass nur Griechenland und Irland in der EU noch weniger für Bildung ausgeben als das Hochtechnologieland Deutschland. Wir müssen auch im Bildungssektor bereit sein, Berührungsängste stärker abzubauen, um nach alternativen Finanzierungsmodellen zu suchen. Die Wirtschaft investiert schon heute stark in den Bildungsbereich, etwa durch die Unterstützung privater Hochschulen, Lehrstühle oder Stipendien. Dieses Engagement gilt es weiter auszubauen. Recht auf optimale Qualifikation Unsere Kinder und Jugendlichen haben das Recht auf eine optimale Qualifikation, die ihnen im internationalen Vergleich beste Chancen eröffnet. Wir müssen alles daran setzen, dass jeder junge Mensch einen Schulabschluss schafft und sein Begabungspotenzial voll entwickeln kann. Denn natürlich können wir heute den schlechten Ausbildungsstand beklagen oder unseren Auszubildenden Nachhilfe in Dreisatz und Prozentrechnung geben. Aber sollte das Bildungswesen nach Pisa weiter verwahrlosen rüttelt es an mehr: Den Grundfesten unserer Gesellschaft, unserem sozialen und kulturellen Kapital. Das Gemeinwesen beruht auf Bürgern, denen Geschichte, Kultur und Politik vertraut sind. Und die deutsche Wirtschaft braucht zeitgemäß ausgebildete Mitarbeiter und innovative Unternehmensgründer. Eigeninitiative ist heute also dringend gefragt, ebenso wie der Mut zu fundamentalen Änderungen im Bildungssystem. (*) Bernhard Schreier ist seit Oktober 1999 Vorsitzender des Vorstandes der Heidelberger Druckmaschinen AG. Lesen Sie mehr über den Heidelberger-Druckmaschinen-Chef in seinem Portrait weiter ...

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