Nichts für Couch-Potatoes
Kolumne: Die Schlacht um das intelligente Fernsehen

Der langerwartete Kampf der Giganten um das weltweite multimediale Fernsehen wird diese Weihnachtssaison in den USA eingeläutet.

Breitbandiger Internet-Zugang ist in aller Munde. Ende des Jahres 2000 werden 5 Millionen US-Haushalte über Breitbandanschlüsse verfügen, die zudem ohne Einwahl stets "online" sind. Alle diese Anschlüsse enden am PC, der in das digitale Multimedienzeitalter eintritt. Damit wird eine Frage immer drängender: Wo bleibt das Fernsehen?

Eigentlich sollte ja alles anders kommen. Wenn es nach den multinationalen Medien-konzernen ginge, würden wir schon lange in einer Welt des interaktiven, digitalen Fernsehens leben. Videotheken wären vor Jahren ausgestorben und wir würden unsere Filme aus dem Netz erwerben. Auch unsere Einkäufe würden wir bequem mit einer Fernbedienung von der Couch aus tätigen. Für diese multimedialen Phantasien wurde in den vergangenen Jahren viel Geld verbrannt. Aber der Konsument blieb standhaft, das Fernsehen blieb was es war: ein weitgehend dummer Apparat zur Übermittlung von Sport und Unterhaltungsausstrahlungen (sowie einer Prise Information).

Der Appetit der Medienindustrie auf das multimediale Fernsehen ist allerdings ungebrochen. Ein Blick auf die Zahlen macht das Interesse verständlich. 1,4 Milliarden Geräte sind weltweit im Einsatz. 5 Stunden pro Tag verbringt der Durchschnittsamerikaner vor dem Schirm. Die Industrie lässt sich nur zu bereitwillig zu Träumen verleiten.

Und so haben wir weltweit zahlreiche Versuche zur Einführung des interaktiven Fernsehens gesehen . Microsoft ist mit Web-TV ("e-mail zur Großmutter") an den Start gegangen, BSkyB und Premiere World versuchen sich an digitalem Fernsehen, der "T-Commerce" Kanal in Großbritannien wartet auf Kundschaft, und in Hongkong buhlen umfassende "Multimedia-Dienste" um Aufmerksamkeit. Alle Initiativen haben eines gemeinsam: Sie ignorieren die mantra-artig wiederholte Botschaft der Konsumenten:

  1. Die Mehrzahl der Konsumenten ist nicht bereit, ohne klaren Nutzen eine Box zu kaufen, die lediglich das TV-Gerät ans Internet anschließt.

  2. Fernbedienungen sind benutzerfreundlich für eine Kanalwahl, aber ungeeignet für produktive Interaktivität wie e-Mail oder Einkaufen; andererseits wünscht sich nur eine Minderheit Tastaturen für das Fernsehen

Aus diesem Grund wird immer öfter die frevelhafte Frage gestellt: Ist das Fernsehen zu ewiger Dummheit verdammt? Sind alle Investitionen in das Medium nur ein weiterer "Hype", der - wie andere multimedialen Technologie-Trends zuvor - schlicht am Markt vorbei konzipiert worden ist?

Hier an der Westküste der USA verbinden sich Hollywood und Silicon Valley derzeit zu einer anderen Vision. Das Credo lautet: Das Fersehen steht unmittelbar vor dem evolutionären Sprung zur Intelligenz! Und die Schlacht wird - allen europäischen und asiatischen Initiativen zum Trotz - in den USA, der Heimat des Fernsehens, entschieden. Sie wird nicht über "T-Commerce" oder staatsverordnetes digitales Fernsehen laufen, sondern über "bessere Unterhaltung". Und sie wird in der Weihnachtssaison 2000 ernsthaft beginnen.

Die Giganten formieren sich

Sony setzte im Mai 2000 in Los Angeles einen Paukenschlag, als es die Details der US-Markteinführung seiner Playstation 2 (PS2) bekanntgab: Sie wird im Oktober 2000 hierzulande für 300 $ erhältlich sein; die neue Playstation hat soviel Prozessorleistung wie vor wenigen Jahren nur die größten Supercomputer; sie kann neben Videospielen auch DVDs abspielen; und sie enthält einen Breitbandanschluß an das Internet.

Die Branche ist aufgeschreckt, denn sie weiß: Diese Playstation ist kein harmloses Spielzeug mehr. Die PS2 ist eine hochleistungsfähige, interaktive und vernetzte Multimedia-Box für das Fernsehen. Sony erwartet jedoch nicht, dass Konsumenten sie für interaktives Fernsehen oder zum Internet-Surfen erwerben. Stattdessen bietet das Unternehmen integriert einen preiswerten DVD/CD-ROM-Player und die leistungsfähigste Spielkonsole der Welt. Millionen Konsumenten im "Testmarkt" Japan haben seit März 2000 bewiesen, dass das Konzept fliegt. Natürlich ist die PS2 auch optimal für digitale Photographien geeignet. Und in der entscheidenden US-Version kommt durch die Hintertür das Breitband-Internet ins Haus - mit all seinen Möglichkeiten für den On-Line Ausbau dieser "interaktiven Unterhaltungs-Plattform".

Der Zuschauer wird bald tatsächlich zum Programmdirektor

Ein anderes Konzept des "besseren Fernsehens" kommt direkt aus dem Silicon Valley. TiVo hat einen personalisierten TV-Service entwickelt. Dieser basiert auf einem digitalen Videorekorder mit Internet-Anschluß, der bis zu 30 Stunden Fernsehen aufzeichnen kann. Der Clou dabei ist, dass die letzte halbe Stunde der laufenden Sendung stets mitgeschnitten wird. Der Zuschauer kann also auch bei Life-Sendungen Szenen wiederholen oder Pausen einlegen und dann - beispielsweise unter Umgehung der Werbung-wieder "aufholen". Die Box revolutioniert das Fernseherlebnis: Sie ist extrem benutzerfreundlich, denn sie erlaubt die individuelle Organisation der TV-Woche, lernt Lieblingssendungen automatisch zu speichern und wird über das Web stets aktualisiert. In letzter Konsequenz wird TiVo ein TV-Portal, welches sich - wie Internet-Portale - zwischen Benutzer und Inhalteanbieter schiebt.

Führende Unternehmen der Unterhaltungselektronik, wie Philips und Sony, fertigen die Box in Lizenz. AOL/TimeWarner hat kürzlich strategisch in TiVo investiert und gleichzeitig den Service in AOL-TV integriert. Damit erhält AOL-TV endlich die wichtige unterhaltungsorientierte Komponente. Internet-zentrierte Anwendungen wie Buddy-Listen und Instant Messaging werden ergänzt. Der Konsument bestellt für 250 US$ und 15 US$ monatliche Gebühr schlicht ein besseres Fernsehen. Wieder kommt der interaktive Web-Anschluß fast unbemerkt hinzu. Allianzen mit Blockbuster, der führenden Videothekenkette der USA bereiten zudem schon Video-on-Demand über diesen Kanal vor.

Natürlich kann auch im Valley niemand garantieren, dass diese Konzepte tatsächlich erfolgreich sein werden. Sicher ist jedoch, dass Sony und AOL hiermit im Herbst 2000 in den USA die entscheidende Runde im weltweiten Kampf um das multimediale Fernsehen einläuten - "und das Internet ist auch schon drin".

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