Nick Reilly ist Chef des neuen Joint Ventures GM Daewoo
Nick Reilly: Wie ein Tiger vor dem Sprung

Mit den koreanischen Gewerkschaften dürfte es Ärger geben. Doch Reilly ist Widerstand gewohnt. Im Aufräumen ist er erfahren - auch wenn es einmal unangenehm wird.

SEOUL. Als ihn der Anruf der Streikenden der Daewoo-Zulieferer erreicht, verzieht Nick Reilly zunächst keine Miene. Seit Tagen hat er darauf gewartet, hoch oben im 20. Stock des neu gebauten Hochhauses im Herzen Seouls. Jetzt zeigt er lediglich ein leicht zynisches Grinsen. Denn viel ausrichten kann er derzeit ohnehin nicht - noch sind ihm die Hände gebunden.

Seit Monaten wartet Reilly auf den Start des neuen GM Daewoo Joint Ventures, um mit der Mammutaufgabe zu beginnen, aus den von GM (General Motors) übernommenen Teilen des koreanischen Autobauers ein profitables Unternehmen zu machen. Wie ein Tiger im Käfig geht er in seinem Büro beim Telefonieren auf und ab. Der Raum erscheint für seine Größe ein wenig klein zu sein. Und auch die angespannte Ruhe, die der 52-Jährige ausstrahlt, gibt ihm etwas Tigerhaftes - wie eine Raubkatze, die ihre Kräfte vor dem Sprung sammelt. Auf und ab im Käfig, warten, dass die Tür aufgeht und er in den Daewoo-Konzernbereichen, die GM gekauft hat, aufräumen kann.

Reilly hat Erfahrung im Aufräumen - auch wenn es einmal unangenehm wird. So musste er als Chef der GM-Tochter Vauxhall vor rund zwei Jahren die Konzernentscheidung umsetzen, das traditionsreiche Vauxhall-Werk in Luton zu schließen. "Judas", riefen ihm die Arbeiter entgegen, die sein Büro stürmten und seinen Rücktritt forderten. "Wenn ich glaubte, dass das helfen würde, träte ich zurück", soll er damals geantwortet haben.

Zwei Jahre zuvor hatte er auf seinen Basislohn von 160 000 Pfund verzichtet und nur den Bonus kassiert, damit auch die Belegschaft Einkommenseinschränkungen zur Sanierung zustimmt. Als das veraltete Werk in Luton dann doch geschlossen werden sollte, fühlte sich die Belegschaft, die aus dem Radio von dem Vorhaben erfuhr, verraten.

Wie damals ist Reilly auch bei seiner neuen Tätigkeit auf Widerstand vorbereitet, der diesmal von den koreanischen Gewerkschaften kommen dürfte. Denn ohne harte Einschnitte wird es auch bei den Daewoo-Beständen, die GM sanieren wird, nicht gehen.

Hinzu kommt für den Briten das neue asiatische Umfeld. Mit spürbarer Distanz spricht der Manager von den "Praktiken" und der "Komplexität der politischen und ökonomischen Prozesse" in Südkorea, wo Korruption bei weitem kein Fremdwort sei und die Regierung allzu oft mitrede. Dass so viele Parteien beim Prozess der Übernahme Daewoos ihre Hände im Spiel haben, scheint Reilly nicht zu behagen.

Begeisterung für das neue Land scheint den Manager nicht nach Südkorea gezogen zu haben. Beweggrund war wohl eher die Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber GM, für den und dessen Töchter Reilly nun schon seit mehr als 25 Jahren arbeitet. Brav ließ er sich nach Mexiko, in die USA und nach Zürich versetzen. Erfahrung mit Besonderheiten in anderen Ländern hat er - Korea jedoch ist eine neue Herausforderung.

Reilly spricht ruhig wie jemand, der weiß, was er will. Um seine Ziele und ihre Umsetzung bei Daewoo festzulegen, hatte er schließlich ein Vierteljahr Zeit. Was er wirklich im Leben will, dem ist er schon vor Jahren auf den Grund gegangen: Drei Monate Auszeit in einer Berghütte gönnte er sich vor seinem Einstieg bei GM 1975 - Lesen, Wandern und alle zwei Wochen Rugby-Spielen mit den Männern im weiter unten gelegenen Dorf. Nach drei Jahren als Finanzanalyst, unzufrieden, "nur Geld von einer Tasche in die andere zu schieben", suchte er einen neuen Sinn - und fand nach eigenen Angaben Frieden mit sich selbst.

Reillys Art ist freundlich, offen, aber ausgesprochen professionell. Mitarbeiter loben seinen scharfen Verstand, der ihm geholfen hat, die Karriereleiter bei GM hochzuklettern. Als erster Brite wird er mit Mitte 40 Vize-Präsident von Automobilkonzerns.

Dabei macht er nicht zu viele Worte, redet nicht um den heißen Brei herum. Was er erzählt und was zwischen den Zeilen herauszuhören ist, klingt aufrichtig. Die Frustration über das lange Hin und Her bis zum Start des neuen Joint Ventures, das angespannte Verhältnis mit den Kreditgebern Daewoos. Frische Ideen und Zuversicht hört man aus seinen Ausführungen heraus - was man nicht hört, ist die Leidenschaft, mit der er über Vauxhall und die britische Industrie gesprochen haben muss. Als Chairman des britischen Industrieverbands CBI hatte sich Reilly in die Wirtschaftspolitik eingemischt und sich unter anderem für den Euro ausgesprochen. Für die nächsten Jahre wird er sich vor allem mit dem Won beschäftigen müssen - diesmal wohl eher pflichtbewusst als leidenschaftlich.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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