Niedriges Zinsniveau bringt neuen Schwung bei Bondemissionen
Anleihegeschäft soll’s für Banken richten

Für die Investmentbanken brechen wieder bessere Zeiten an - das gilt zumindest für die Anleiheseite. Nachdem die Provisionseinnahmen zuletzt sowohl im Geschäft mit Aktien, bei Fusionen und Übernahmen sowie bei Bonds eingebrochen waren, soll es bei Anleihen künftig wieder aufwärts gehen. Das erwarten zumindest die Banken.

FRANKFURT/M. Gute Nachricht für Investmentbanken: Nachdem zuletzt auch die Einnahmen von der Anleihenseite als letzter Ertragssäule schrumpften, zeichnet sich Besserung ab. Credit Suisse First Boston (CSFB) erkennt deutliche Signale für eine Erholung bei den Handelsumsätzen von Anleihen. In der europäischen Handelsmetropole London sei das Volumen im Oktober im Vergleich zum Vorjahr um 27 % gestiegen. Positiv ist das Bild auch bei den Kursschwankungen. Die Kurse waren im Oktober volatiler als während des ganzen Jahres. Davon profitieren Investmentbanken ganz besonders bei ihren Einnahmen, betonen Experten. Und auch im dritten Bereich geht es aufwärts - bei den Anleiheemissionen. Hier verdienten die Banken laut CSFB im Oktober 25 % mehr als im Durchschnitt des dritten Quartals.

Im nächsten Jahr soll die Verbesserung anhalten. Banker begründen dies unter anderem mit der jüngsten Zinssenkung in den USA und den erwarteten geldpolitischen Lockerungen in Euroland. Zudem steige für die Banken der Druck, angesichts von Basel II noch stärker auf das Eigenkapital zu schauen. Bei allen Hypotheken- und anderen Kreditinstituten halte der Trend an, möglichst viele Kredite zu verbriefen und somit von der Bilanz zu bekommen, betont Roman Schmidt, Leiter Commerzbank Securities Deutschland. Ein Beispiel seien die Emissionspläne der Hypo-Vereinsbank in Milliardenhöhe. Er erwartet keinen Anstieg der Gebühren, aber ein höheres Volumen in 2003.

Ähnlich sieht das Herbert Schädler, Managing Director bei Bear Stearns. Er sieht den Bereich der Verbriefung von Forderungen weiter deutlich wachsen. Hier habe gerade Deutschland noch Nachholbedarf, wenn der Pfandbriefmarkt herausgenommen werde. Deutlich weiter seien Großbritannien, und Italien. Als positive Anzeichen beschreibt er beispielsweise die Verbriefungsaktionen der Kreditanstalt für Wiederaufbau, die dem Mittelstand dadurch eine einfache Möglichkeit zur Refinanzierung bieten will.

Auch Carsten Kengeter, Managing Director bei Goldman Sachs, ist positiv gestimmt. Er geht davon aus, dass neue Emittenten, die sich noch nicht über Anleihen refinanziert haben, im nächsten Jahr den Kapitalmarkt anzapfen werden. "Einige Unternehmen werden das absolut niedrige Zinsniveau für Erstlingsemissionen nutzen", prognostiziert Kengeter. "Unternehmen wollen flexibler werden, was ihre Verschuldung angeht und sich nicht mehr nur von einer Bank abhängig machen", meint Kengeter. Auch Dresdner Kleinwort Wasserstein (DKW) rechnet damit, dass sich 2003 seltene Emittenten am Bondmarkt zeigen werden. Dabei sollten Emissionen über 1 Mrd. bis 2 Mrd. Euro eher die Ausnahme sein. Von den großen Spielern am Bondmarkt wie Auto- und Telekomkonzerne sowie Versorger werden Emissionen in Vorjahreshöhe erwartet. Sie müssen auslaufende Bonds refinanzieren.

Infolge des auch für die emittierenden Unternehmen immer besser durchschaubaren Emissionsgeschäfts bei Anleihen spiele die Betreuung für die Zeit danach eine immer größere Rolle. Das gelte sowohl für die Marktpflege als auch für fortlaufende Analysen, ergänzt Schmidt von der Commerzbank. Das kollidiert jedoch mit dem derzeitigen Trend zum Schrumpfen im Investment-Banking. So konstatiert die Ratingagentur Moody?s, dass der anhaltende Abbau von Personal und Infrastrukturen problematisch werden könnte, wenn das Geschäft wieder anzieht. "Das Risiko für diese Banken ist, dass sie ins Muskelfleisch schneiden, während sie überflüssiges Fett abbauen", sagt Peter Nerby von Moody?s.

Wie wichtig der Bereich Anleihen selbst im jetzigen Umfeld ist, zeigen Berechnungen von CSFB. Europäische Bondmandate brachten den Banken bis Mitte November rund 2,5 Mrd. $ an Gebühren. Mit Aktienemissionen verdienten sie dagegen nur 0,7 Mrd. $, obwohl die Margen hier deutlich höher liegen als im Anleihegeschäft. Die aktuelle Situation: Nach Daten von DKW war der Einbruch bei neuen Anleihen in Europa in diesem Jahr extrem. Im Vergleich zum Anleiherekordjahr 2001 borgten sich europäische Unternehmen bis Mitte November frisches Geld über gut 100 Mrd. Euro und damit 45 % weniger als vor einem Jahr. Banken hatten zunächst mit einem Einbruch um ein Drittel gerechnet.

Eine Rolle bei den zu optimistischen Prognosen spielte, dass Unternehmen geplante Transaktionen über mehr als 15 Mrd. Euro zurückgezogen haben. Darunter waren so bekannte Namen wie der Medienkonzern Bertelsmann, der US-Computergigant Hewlett Packard oder der Hongkonger Mischkonzern Hutchison Whampoa. Alle Unternehmen begründeten dies mit dem "schwierigen Marktumfeld". Zahlreiche Pleiten hatten die Investoren nervös gemacht und ihnen den Appetit auf neue Bonds verdorben.

Quelle: Handelsblatt

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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